Als die Eisenbahn nach Wasserliesch kam

(Von Ferdinand Hein)

 

Die Eisenbahn war die bedeutendste Innovation des 19. Jahrhunderts

Die Erfindung der Dampflokomotive gab den Anstoß

Von Saarbrücken nach Trier - die Saarbahn kommt

Von Berlin nach Metz - Moselbahn oder Kanonenbahn?

Die Bahn teilt Wasserliesch

Wasserliesch sollte keine „Station" bekommen

So funktionierte früher die Eisenbahn in Wasserliesch und anderswo

Die Eisenbahn in und um Wasserliesch im 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg - eine Bewährungsprobe für die Eisenbahn

Die „Deutsche Reichsbahn" gestaltete den Zweiten Weltkrieg mit

Nachkriegszeit - eine „schlechte Zeit" für Wasserliesch und die Eisenbahn

Es geht langsam wieder aufwärts

Die Obermoselbahn wird modern

Arbeitsplätze entstehen - und vergehen wieder

Die Eisenbahndirektion Trier - ein Spiegel deutscher Politik 

 

Die Eisenbahn war die bedeutendste Innovation des 19. Jahrhunderts

  

Der Bau der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert, dem „Jahrhundert der Eisenbahn", wie es auch genannt wird, war ohne Zweifel die bedeutendste Innovation dieser Zeit. Das neue Verkehrmittel bescherte den Menschen nicht nur eine nie zuvor gekannte Mobilität, sondern vor allem Arbeit und Brot. Wasserliesch mit dem Ortsteil Reinig, der damals ein selbstständiger Ort war, profitierte im besonderen Maße davon.

Die Veränderungen, die der Eisenbahnbau mit sich brachte, kann man allenfalls mit denjenigen vergleichen, die die Informationstechnologie in unserer Zeit mit sich bringt. Ebenso wie der Computer die Welt heute mit- und umgestaltet, gleichsam umkrempelt, die Wirtschaft globalisiert und die Staaten weltweit miteinander verknüpft, verband damals die Eisenbahn die Menschen miteinander und stellte das Zusammenleben auf eine völlig neue Grundlage. Jeder Einzelne war betroffen, auch wenn er nicht an einer Eisenbahnstrecke wohnte. Schnell wurden die Eisenbahnen die größten Arbeitgeber, die größten Auftraggeber der Industrie und die größten Dienst­leister im Personen- und Güterverkehr. Nichts mehr war so wie vorher, das gesamte Leben veränderte sich. Es waren nachhaltige Veränderungen, die sich mit der ständigen Erweiterung des Eisenbahnnetzes bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hin fortsetzten. Erst der steigende Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten nach dem Zweiten Weltkrieg - das so genannte deutsche „Wirtschaftswunder" - in Verbindung mit der Zunahme des Individual- und des Straßengüterverkehrs brachen das Monopol der Eisenbahnen, das sie bis dahin unangefochten halten konnten.

Der Eisenbahnbau ließ im Raum Konz - Trier einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt entstehen. Hier kreuzten sich die Eisenbahnlinien an Mosel und Saar, aus Frankreich und Luxemburg, über die Eifel und den Hunsrück hinweg. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn einige Eisenbahnstrecken inzwischen wieder stillgelegt oder zurückgebaut worden sind.

Ein Verkehrsknotenpunkt war diese Region eigentlich immer schon. Wichtige Verkehrsverbindungen gab es bereits in der Antike. Schon die Römer hatten ein weit verzweigtes Fernstraßennetz angelegt, das unseren Raum einschloss. Gleichzeitig nutzten sie die Wasserwege, die sich ihnen auf Rhein, Mosel und Saar boten. Zweifellos bildeten diese damals das Rückgrat des Güterverkehrswesens, jedenfalls für die Beförderung größerer Lasten über weite Entfernungen. Die Verkehrswege sind den Römern bei der Eroberung des Trierer Landes und während ihrer gesamten Herrschaftszeit von großem Nutzen gewesen. Mosel und Saar dienten auch den Herren der nachfolgenden Jahrhunderte. Dabei ging es ihnen nicht nur um die Beförderung von Waren aller Art, sondern vor allem um den Transport von Kriegsmaterial. Beispielsweise nutzte nach 1671 der französische König Ludwig XIV. Mosel und Rhein mit Einverständnis des Trierer Erzbischofs und Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen als Transportweg zur Vorbereitung des „Holländischen Krieges".

An das römische Fernstraßennetz war mit großer Wahrscheinlichkeit auch Reinig angeschlossen. Eine Abzweigung der römischen Fernstraße, die von Metz über Thionville, Tawern und Konz nach Trier verlief, führte unterhalb der Granahöhe zur Reiniger Fähre und der von alters her bekannten Furt durch die Mosel. Sie dürfte als Querverbindung zu der auf der anderen Moselseite verlaufenden Römerstraße Trier-Reims gedient haben.

Infolge der fortschreitenden Industriealisierung im 19. Jahrhundert konnten die Straßen und Wasserwege mit ihren recht einfachen Transportmitteln das rasch anwachsende Transportaufkommen nicht mehr bewältigen. Die Eisenbahn war daher als neues leistungsfähiges Verkehrsmittel nicht nur willkommen, sondern dringend notwendig. Sie veränderte das Jahrhunderte lang im Wesentlichen unverändert gebliebene Verkehrswesen grundlegend.

Als der Bau der Eisenbahnstrecken in unserem Raum begann, waren in den deutschen Teilstaaten schon zahlreiche Eisenbahnlinien in Betrieb. Allerdings ist das Eisenbahnnetz anfangs recht uneinheitlich gewachsen. Das lag vor allem daran, dass jedes Staatswesen vordringlich seine eigenen Interessen verfolgte. Es gab ja noch kein geschlossenes deutsches Staatsgebiet, sondern bis 1866 u. a. den von Österreich und Preußen dominierten Staatenbund mit achtunddreißig Einzelstaaten, aus dem erst 1871 das Deutsche Kaiserreich hervorging.

Einige Länder überließen den Eisenbahnbau Privatunternehmen, andere bauten von Anfang an in staatlicher Regie. Zu den Befürwortern der Staatseisenbahn gehörte Preußen, auch die Preußische Rheinprovinz, zu der unsere Region gehörte. Reichskanzler Bismarck betrieb gleich nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 die Überführung der zahlreichen privaten Eisenbahngesellschaften in ein Staatsbahnsystem. Dieses Vorhaben kam jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg mit der Gründung der Deutschen Reichsbahn im Rahmen der Weimarer Reichsverfassung zum Abschluss. Auch in der Region Trier waren private Unternehmen am Eisenbahnbau beteiligt. Eine davon war die Rheinische Eisenbahngesellschaft, die 1843 die Strecke Köln - Aachen fertig gestellt hatte und nun die Bahnlinie von Köln über die Eifel nach Trier baute. Alles dies war für unsere Region, neben ihrer Randlage, mit ursächlich dafür, dass sie erst spät an das deutsche und internationale Eisenbahnnetz angeschlossen wurde.

Schritt haltend mit dem Eisenbahnbau verlor die Personenbeförderung mit Postkutschen an Bedeutung, obwohl es ein weit verzweigtes gut funktionierendes Liniennetz gab. Der Transport von Gütern zu Lande, den bis dahin Pferde-, Kuh- und Ochsenkarren besorgt hatten, verlagerte sich mehr und mehr auf die Eisenbahn. Auch die Personenschifffahrt auf der Mosel zwischen Metz und Koblenz, zuletzt immerhin schon mit Dampfschiffen betrieben, verlor ihre Kundschaft an die viel schnellere und leistungsfähigere Bahn. Ebenso konnte sich der Gütertransport auf Mosel und Saar mit Treidel- und Dampfschiffen gegen die Konkurrenz der Bahn nicht mehr behaupten. Den herkömmlichen Transportmitteln blieben zuletzt nur die Zubringerdienste von und zu den Verladestellen der Bahn.

 

 

Die Erfindung der Dampflokomotive gab den Anstoß

 

Schon im Jahre 1828, sieben Jahre vor der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth am 7. Dezember 1835, hatte man im Trierer Raum über den Bau einer Eisenbahnlinie von Saarbrücken nach Konz nachgedacht. Die Initiative dazu dürfte vom Saarkohlebergbau und den saarländischen Hüttenwerken ausgegangen sein, die neue Absatzmärkte brauchten. Trier war zunächst nicht als Endbahnhof in Erwägung gezogen worden, weil der Bau einer Brücke in Konz über die Mosel zu schwierig geworden wäre, wie es heißt Letztlich scheiterte das Vorhaben dann aus diesem Grund. Offensichtlich hatte sich damals noch niemand eine Streckenführung von Konz nach Trier am rechten Moselufer entlang vorstellen können, denn dafür hätte man ja keine Moselbrücke bauen müssen. 

Die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth 1835Es ist schon bemerkenswert, dass man bereits 1828 ganz im Westen des Preußischen Staates, fernab der Hauptstadt Berlin, überhaupt eine Eisenbahn bauen wollte. Auch lag die weltweit erste Fahrt eines von einer Dampflokomotive gezogenen Eisen­bahnzuges, der in England im Jahre 1825 zwischen den Städten Stockton und Darlington verkehrte, gerade erst drei Jahre zurück. Doch muss man sich vorzustellen versuchen, welche Erwartungen die Erfindung der Dampflokomotive, die ihr Konstrukteur, der Engländer Stephenson, „Locomotion" nannte, ausgelöst haben musste. Zwar kannte man schon die Eisenbahn als spurgebundenes Ver­kehrsmittel; beispielsweise gab es von Menschen oder Pferden gezogene Grubenbahnen und Straßenbahnen. Ebenso nutzte man seit Anfang des 18. Jahrhunderts die Dampfmaschine als stationäres Antriebsmittel in der Industrie. Doch muss die Tatsache, dass die Engländer Anfang des 19. Jahrhunderts eine Dampflokomotive - sozusagen eine fahrende Dampfmaschine - entwickelt hatten, als sensationelle Erfindung aufgenommen worden sein. So bald wie möglich wollte nun auf einmal jedes Land auf dem europäischen Kontinent vom buchstäblich "bahnbrechenden" technischen Fortschritt profitieren. Natürlich standen hinter diesem Wunsch nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem auch militärische Interessen.

Nach 1840 bemühte sich die Stadt Trier in mehreren Anläufen wiederholt vergeblich um einen Anschluss an das deutsche Eisenbahnnetz. Im Jahre 1845 gab es erste konkrete Pläne. Belgien wollte eine Eisenbahn von der Nordseeküste über Arlon, Metz nach Basel bauen, eine Abzweigung sollte über Luxemburg, Remich/Nennig, dort über die Mosel und weiter nach Saarbrücken führen. Dagegen erhob die Stadt Trier Einspruch; sie verlangte, dass die Bahnlinie von Luxemburg aus über Igel, Konz und Trier nach Saarbrücken gebaut werden sollte. Doch die Unruhen der Revolutionen des Jahres 1848 in Frankreich und gleich danach in den Ländern des Deutschen Bundes, bei denen es unter anderem um demokratische Reformen und um die nationale Einigung der deutschen Fürstentümer ging, ließen auch dieses Vorhaben scheitern. Die im Jahre 1855 gegründete Handelskammer Trier bedauerte diese Entwicklung gleich nach ihrer Gründung, indem sie feststellte, „dass der Verkehr der Stadt und der Moselgegend in demselben Maße abgenommen habe, als die Verkehrseinrichtungen anderwärts fortgeschritten seien. Keine andere gleich große Stadt der Monarchie habe so desolate Verkehrsverhältnisse zu beklagen". Tatsächlich war das Eisenbahnnetz in den deutschen Teilstaaten inzwischen schon auf mehrere Tausend Kilometer Streckenlänge angewachsen.

 

 

Von Saarbrücken nach Trier - die Saarbahn kommt

 

Im Jahre 1852 wurden die Pläne für den Ei­senbahnbau in unserem Raum erneut auf­gegriffen. Belgien schloss mit Preußen einen Vertrag über den Bau einer Eisenbahnstre­cke auf der rechten Saarseite zwischen Saarbrücken und Trier mit einer Abzweigung nach Luxemburg, die eine Verbindung mit den Kohlengruben und Hüttenwerken an der Saar schaffen und deren Absatzmöglichkeiten verbessern sollte; offensichtlich war man vor allem daran interessiert. Diese Eisenbahnlinie sollte wohl auch Teil der schon früher ge­planten internationalen Nord - Südverbin­dung werden.

Es dauerte aber nochmals vier Jahre, bis König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen am 7. Mai 1856 durch „allerhöchste Kabinett­sordre" den preußischen Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten ermäch­tigte, „eine Eisenbahn von Saarbrücken, die Saar abwärts bis zu deren Mündung und, unter Überbrückung der Mosel, einerseits auf dem lin­ken Moselufer nach Trier und ande­rerseits bis zur Großherzoglich Luxemburgi­schen Grenze bei Wasserbillig in Richtung auf die Stadt Luxemburg, für Rechnung des Staates auszufüh­ren", so der Originaltext.

Nun ging auf einmal alles sehr schnell. Am 25.Juni 1856 begannen die Bauarbeiten an meh­reren Stellen gleichzeitig. Die Teilstrecke von Saarbrücken bis Merzig war schon gut zwei Jahre später fertig und wurde am 16. Dezember 1858 in Betrieb genommen. Von Trier links der Mosel aus, dem heutigen Trier West, sollte die Strecke spä­ter bis Koblenz weitergeführt und in Ehrang an die schon im Bau befindliche Eifelbahn von Köln nach Trier angebunden werden. Die erste Fahrt auf der anfangs eingleisigen Gesamtstrecke von Saarbrücken bis Trier über die neu errichtete Moselbrücke in Konz fand am 22. Mai 1860 statt; die offizielle Eröffnung feierte man drei Tage später am 25. Mai. An den Feierlich­keiten in Trier nahm der preußische Prinzregent Wil­helm teil, der seinen erkrankten Bruder Kö­nig Friedrich Wilhelm IV. vertrat.

Bau des Gleises zwischen Igel und WasserbilligNach den Eröffnungsfeierlichkeiten gab es am Tage der Abfahrt des Zu­ges mit dem Prinzregenten Wilhelm in Bahn­hofsnähe am Moselufer „Volks­belusti­gungen". „Zum Schluss zog man in fei­erlichem Zuge zur Mosel, wo auf dem Wehr ein großes Feuer­werk abgebrannt wurde und Lust­fahrten in erleuchteten Gondeln stattfanden", wusste der Trierer His­toriker Prof. Dr. Gott­fried Kentenich zu berichten.

Die Eröffnung der Saarstrecke als erste Eisenbahnstrecke im Trierer Land, die in Konz nur etwa eine halbe Stunde Fuß­weg von Wasserliesch und Reinig entfernt und wenig später auf der anderen Mosel­seite in Igel vorbeiführte, ist zweifellos auch hier ein großes Ereignis gewesen. Überliefert ist, dass tausende Neugierige während der Eröffnungsfahrt die Strecke von Saarbrücken bis Trier säumten. Bestimmt werden viele dabei zum ersten Mal in ihrem Leben einen von einer Dampflokomotive gezogenen Eisenbahnzug bestaunt haben, vielleicht nicht einmal nur mit Begeisterung, sondern auch mit gemischten Gefühlen. Das war nicht anders bei der Fahrt der ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth im Jahre 1835; sie hatte vielfach noch Furcht und Schrecken ausgelöst. Viele hielten die Eisen­bahn damals für Teu­felswerk. Man fürchtete sich vor der „zu hohen Geschwindigkeit" von 35 km/h und glaubte, man müsse davon krank werden. Außerdem hielt man den Rauch der Lokomotiven für schädlich, man meinte, er könnte hindurch fliegende Vögel töten und grasende Kühe in der Nähe gäben keine Milch mehr.

Nach der Inbetriebnahme der Saarstrecke bot der neue Bahnhof in Konz den Bewohnern von Wasserliesch und Reinig erstmals die Möglichkeit, die Eisenbahn zu nutzen. So konnten sich Arbeits­suchende etwa um einen Arbeitsplatz weiter weg bemühen und mit der Bahn dorthin fahren oder, was sicher häufiger der Fall war, täglich von Konz nach Trier zu ihrer dortigen Arbeitsstelle pendeln. Vorher hatten alle, die hier eine Arbeitsstelle hatten, bei zwölfstündiger täglicher Arbeitszeit den rund zweistündigen Weg von Was­serliesch nach Trier und zurück zu Fuß gehen müssen. Ab dem Jahr 1861 war es auch mög­lich, die Züge vom Bahnhof Igel aus zu benutzen, denn mit der Reiniger Fähre war Igel problemlos zu erreichen.

Die Eisenbahn brachte den Wasserlieschern und Reinigern also schon damals eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Vor allem schaffte sie dringend benötigte neue Arbeits­plätze; bereits beim Bau der Eisenbahnstrecken hatten viele Männer aus Wasserliesch und Reinig Arbeit gefunden. 

 

 

 

Von Berlin nach Metz - Moselbahn oder Kanonenbahn? 

 

Die Eisenbahnlinien in Konz nach 1861Bereits vor der Eröffnung der Bahnlinie Saarbrücken - Trier hatte das preußische Kriegsministerium auf die militärische Bedeutung einer Eisenbahnverbindung von Koblenz nach Trier und weiter nach Metz hingewiesen. In einem Schreiben des Ministers an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz vom 31. August 1855 heißt es unter anderem: „Eine Koblenz-Trier Eisenbahn erscheint als eine natürliche Fortsetzung der großen Eisenbahnlinie von Berlin über Halle, Cassel, Gießen, Wetzlar und Coblenz in südwestlicher Richtung bis an die Grenze der Monarchie notwendig, und würde zugleich, was in politischer Hinsicht von Bedeutung, die entlegensten mittelrheinischen Landesteile mit den alten Provinzen und Centren des Staates in unmittelbare Verbindung setzen". Diese in Ost-Westrichtung von Berlin nach Metz diagonal durch Deutschland verlaufende Bahnverbindung wurde, ihrer militärischen Bedeutung gemäß, im Volksmund später „Kanonenbahn" genannt. Zwischen Koblenz und der Landesgrenze bei Perl hieß sie offiziell „Moselbahn". Diese Bezeichnung war jedoch später eher für die „Moseltalbahn" gebräuchlich; diese verkehrte zwischen Trier und Bullay an der Mosel entlang und ist erst im Jahre 1905 eröffnet worden.

Trotz ihrer militärischen Bedeutung konnte der Bau der Moselbahn zunächst nicht begonnen werden, weil das Geld fehlte. Erst die politische Situation vor und während des Deutsch - Französischen Krieges von 1870/71 brachte die Strecke von Koblenz nach Trier und weiter nach Metz erneut ins Gespräch. Das Militär hatte wohl die Vorteile, die der Transport von Kriegsmaterial und Truppenkontingenten mit der Eisenbahn in Richtung Frankreich gebracht hätte, bei der Vorbereitung und Durchführung des Krieges vermisst.

Neben militärischen Interessen sprachen von Anfang an auch wirtschaftliche Aspekte für den Bau der Moselbahn. So war die Rheinische Eisenbahngesellschaft daran interessiert, die von ihr erbaute Eifelstrecke an die Saarstrecke anzuschließen. In einem Schreiben des Direktors dieser Eisenbahngesellschaft vom 17. Oktober 1870 an einen Regierungsrat namens Linz in Trier heißt es: „Es liegt im Wesen einer lebensfähigen Bahn, überall, wo sie an einem neuen Standpunkt Wurzeln geschlagen hat, auch wieder neue Zweige zu treiben. So geht es uns mit Trier". Das letzte Teilstück dieser Eisenbahnlinie von Gerolstein bis Trier West ist am 15. Juni 1871 in Betrieb genommen worden. Mit ihrem Anschluss an die Saarbahn gab es erstmals eine durchgehende Eisenbahnverbindung zwischen Köln und Saarbrücken.

Nach dem Ende des Deutsch - Französischen Krieges und dem Inkrafttreten des Frankfurter Friedensvertrages im Jahr 1871 gehörte Elsass- Lothringen zum neu gegründeten Deutschen Kaiserreich. Das brachte einen zusätzlichen Impuls für den Bau der Moselbahn. Am 15. Februar 1871 erhielt die Königliche Eisenbahndirektion Saarbrücken den Auftrag zur Planung des ersten Streckenabschnittes, der von Konz nach Diedenhofen, dem heutigen Thionville, führen sollte. Im April desselben Jahres begannen die Vorarbeiten. Über die Steckenführung der Teilstrecke von Koblenz bis Trier war man sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einig, obwohl der zuständige preußische Handelsminister, Graf von Itzenplitz, die Eisenbahndirektion Saarbrücken schon fünf Jahre zuvor mit der Planung dieses Teilstückes beauftragt hatte.

Nun wurden erstmals Überle­gungen angestellt, die Stadt Trier mit einem Bahnhof rechts der Mosel in diese Ei­senbahnli­nie einzubinden. Jedenfalls wollte das der Trie­rer Regie­rungspräsident. Nach seinen Vorstellungen sollte der neue Bahnhof gleichzeitig Endbahn­hof der noch zu bauenden Hochwaldbahn Hermes­keil - Trier werden. Der Han­delsmi­nister in Berlin war jedoch anderer Meinung. Er wollte das nicht und schrieb dem Trierer Regierungspräsiden­ten, „dass eine Verlegung der im Bau be­findlichen Eifelbahn auf das rechte Ufer nicht in Aussicht genommen werden könne. Bei Anlage des Bahn­hofs für die Moselbahn auf dem rechten Ufer würde der Anschluss an die be­stehenden Bahnen einerseits in Conz, andererseits in Ehrang zu ge­schehen haben. Eine derartige Anordnung müsste jedoch zur Folge haben, dass Trier Durchgangsstation, Conz dagegen Hauptknotenpunkt für die verschiedenen Verkehrsrouten werden würde. Es frägt sich, ob diese für die Interessen der Stadt Trier nachteilige, indessen unvermeidliche Folge der Durchführung der Bahn auf dem rechten Moselufer nicht so erheb­lich ist, dass die Vor­teile, welche sich die Stadt von der Wahl dieser Linie verspricht, dadurch mehr als aufgewo­gen werden..."

Bemerkenswert ist es ja schon, dass der Handelsminister die Stadt Trier gewissermaßen ge­gen das aus seiner Sicht unbe­deutende Konz ausspielte. Tat­sächlich war Konz - man schrieb den Ortsnamen noch mit „C" - damals noch ein kleines Dorf. Die Ansicht des Trie­rer Regierungspräsidenten unter­stützte auch der Oberpräsident der Rhein­provinz. Die Ei­sen­bahndirektion Saarbrücken, die anfangs ebenfalls für einen Bahnhof auf dem rechten Mo­selufer war, schloss sich dann aber dem Ergebnis einer Vor­untersuchung an, nach der eine Streckenführung rechts der Mo­sel zu teuer sei. Um die unter­schiedlichen Meinungen zu­sammenzubringen, gab der Handelsmi­nister zuletzt nach, schrieb allerdings dem Oberpräsidenten, wenn die Stadt Trier unbedingt einen Bahnhof auf dem rechten Moselufer wolle, so müsse sie, „falls die Linie auf dem rechten Moselufer zur Ausführung kommt, das für den Bahnhof bei Trier erforderliche Gelände un­entgeltlich zur Disposition (...) stellen und die Kosten der in­folge der Bahnhofsanlage etwa notwendig werdenden Wegeverlegungen (...) übernehmen".

Letzten Endes setzten sich die Trierer mit ihren Vorstellungen durch, erfüllten die Bedingung und erhielten einen zweiten Bahnhof rechts der Mosel, der später zum Trierer Hauptbahnhof avancierte. Dass Konz dennoch zu einem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt wurde, ergab sich zwangsläufig aus seiner geographischen Lage.

 

 

Die Bahn teilt Wasserliesch

 

Der Bau einer Eisenbahnstrecke dürfte sich im 19. Jahrhundert kaum an­ders ausgewirkt haben als heutzutage. Eine neue Autobahn oder Schnellbahnstrecke verändert ja nicht nur die Landschaft, sondern auch das Verkehrsgefüge einer Region oder eines ganzen Landes. Bauvorhaben dieser Grö­ßenordnung lagen immer schon im öffentlichen Interesse und erregten früher wie heute bereits in der Planungsphase die Gemüter. Einsprüche und Änderungswünsche wurden vorgebracht und diskutiert, Planungen geändert, verworfen und wieder neu aufgenommen. Über die Ausführung entschieden die Behörden früher allerdings weitgehend nach eigenem Ermessen; die Pläne konnten, wenn das nötige Geld vorhanden war, rasch realisiert werden. Heutzutage lassen sich große Bauvorhaben in der Regel nur noch schwer durchsetzen; nicht selten dauert es Jahre, bis gebaut werden kann.

Als die Planung für den Bau der Moselbahn im Jahre 1871 endlich angelaufen war, dauerte es noch fünf Jahre, bis die Bauarbeiten begannen; offenbar fehlte das Geld. Kaiser Wilhelm I. genehmigte den Bau der Moselstrecke von Koblenz bis zur Landesgrenze Perl/Sierck über Trier rechts der Mosel, einschließlich der Überquerung der Mosel bei Pfal­zel, im Jahre 1873. Der Kaiser hatte zu dieser Zeit in Preußen immer das letzte Wort, wenn es um Projekte dieser Größenordnung ging. Sein „ok" war die Voraussetzung für den Bau der schon lange geplanten Eisenbahnlinie und ihre Verknüpfung mit der schon vorhandenen Saareisenbahn in Konz.

Als die Einzelheiten der Planung bekannt geworden waren, meldeten sich einige Obermoselgemein­den zu Wort und beantragten bei der Königlichen Eisenbahndirektion Saarbrücken Änderungen der Streckenführung, die teilweise durch die Orte hindurch vorgesehen war. Die Gemeinde Temmels beispielsweise beantragte, „das Bahngeleise am Ort dicht an der Mosel vorbei und nicht, wie etwa beabsichtigt sein könnte, mitten durch das Dorf zu legen". Die meisten An­träge dieser Art lehnte die Eisenbahndirektion jedoch ab, auch den von Temmels. Immerhin setzte sie sich mit den Änderungswünschen auseinander und begründete ihre Entscheidung.

Auch in Wasserliesch musste man sich mit diesem Problem befassen, denn die Bahn­trasse sollte durch das Dorf geführt werden. Reinig war etwas besser dran, dort verlief sie berg­seits knapp an den Häusern vorbei. Es war also für ausreichend Diskussionsstoff gesorgt. Es ging den Bewohnern aber nicht nur um die Trassenführung. Sie beschäftigten sich nicht weniger engagiert mit den Auswirkungen des Bahnbaus auf ihre Erwerbstätigkeit. Einige Wasserliescher Bauern befürchteten, einen Teil ihrer Einkünfte zu verlieren, die sie mit Fuhrwerkstransporten erwirtschafteten. Auch andere Erwerbszweige rechneten mit Nachteilen, etwa diejenigen, die mit der Binnenschifffahrt ihr Brot verdienten. Dass die meisten Einwände wegen der vielen beim Bahnbau neu geschaffenen Arbeitsplätze und anderer Vorteile schon sehr bald in den Hintergrund treten würden, war sicher nicht für jeden von vorne herein erkennbar.

Zweifellos bewegten aber die Probleme, die sich aus dem geplanten Verlauf der Bahn ergaben, in besonde­rem Maße die Gemüter. Jeder, dessen Grundstück die Bahntrasse berührte oder überquerte, wollte wissen, wie viel er davon abgeben musste und welchen Kaufpreis die Bahn zu zahlen gewillt war. Meist gab es dabei großen Widerstand, man wollte nicht verkaufen oder forderte einen Kaufpreis, den die Bahn nicht zu zahlen bereit war. So kam es häufig zur Enteignung der Grundstückseigentümer; ob das auch in Wasserliesch und Reinig so war, ist nicht überliefert. Man praktizierte die Enteignungsverfahren, wenn sie notwendig wurden, meist ohne große Umstände, nicht selten gab es dann nicht einmal eine Entschädigung. Fast genauso wichtig wie die Trassenführung war die Frage, an welchen Stellen die Bahn überquert werden konnte, um zu den Grundstücken und Häusern auf der anderen Bahnseite zu gelangen. Zwei­fellos haben alle diese Fragen die Einwohner in der Planungsphase lange Zeit bewegt und sind heiß diskutiert worden.

Durch den Bahnbau änderten sich zwangsläufig die Besitzverhältnisse nicht nur im Bereich der Bahntrasse selbst, sondern auch links und rechts davon. In vielen Fällen kaufte die Bahn das Grundstück, über das die Gleise verlegt werden sollten, gleich ganz mit. Dadurch entstanden beiderseits viele kleinere Restparzellen, die es auch in Wasserliesch teilweise noch heute gibt. Weil damals alles verfügbare Land für den Anbau von Agrarprodukten genutzt wurde, bemühten sich viele Leute von Anfang an darum, diese Restgrundstücke zu pachten, auch wenn diese nur noch über die Gleise hinweg oder über andere Grundstücke erreichbar waren. Insbesondere die Nutzung als Gartenland bot den damals meist notleidenden Familien ein kleines Zubrot durch den Anbau von Obst, Gemüse, Kartoffeln und das Halten von Kleinvieh. Für die Eisenbahn selbst war das Verpachten dieser Grundstücksflächen, die sie selbst nicht benötigte, durchaus vorteilhaft. Überwiegend waren es Eisenbahner, denen sie die Parzellen gegen eine geringe Pacht überließ. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts begannen sich die Pächter in Vereinen zusammenzuschließen, aus denen die „Eisenbahn-Landwirtschaft" als eigenständige Organisation innerhalb der Bahnverwaltung entstand. Sie gibt es als „Bahn-Landwirtschaft" in der Rechtsform als „eingetragener Verein" mit einem Unterbezirk auch in Trier immer noch.

Die Eisenbahndirektion Saarbrücken war gezwungen, die Kosten des Bahnbaus möglichst niedrig zu halten. Sie war schon aus diesem Grund bestrebt, möglichst wenige Bahnübergänge zuzulassen. Dort, wo ein Übergang nicht zu vermeiden war, kamen in erster Linie höhengleiche Bahnübergänge, damals „Niveauübergänge" genannt, in Frage. Über- oder Unterführungen kosteten natürlich viel mehr. Bestimmt hatte die Gemeinden Wasserliesch und Reinig auch dazu ihre Vorstellungen und Wünsche, doch konnten sie nur wenig Einfluss auf die Entscheidung der Behörde nehmen.

Dass es auch in Wasserliesch und Reinig zur Einrichtung von Bahnübergängen Meinungsverschiedenheiten gegeben hat und Änderungswünsche geäußert worden sind, steht außer Frage. Welche Anträge im Einzelnen an die Ei­senbahndirektion gerichtet worden sind und wie diese darauf reagiert hat, ist aber nicht bekannt. Jedenfalls richtete die Bahn in Wasserliesch und Reinig einen höhengleichen Bahnübergang im Verlauf der Straße von Reinig nach Konz, einen weiteren in Reinig und einen in dem Dorfweg ein, der damals die heutige Neudorfstraße an der alten Kirche mit dem Friedhof vorbei direkt mit der Löschemerstraße verband. Zwei weitere höhengleiche Bahnübergänge entstanden im Verlauf des Weges von Wasserliesch nach Oberbillig, der damals, anders als heute, an der Mosel vorbei verlief und vor Oberbillig die Bahn querte. Alle genannten Bahnüber­gänge sind zeitgleich mit dem Verlegen des Streckengleises gebaut worden; sie waren für das Befahren mit Fahrzeugen eingerichtet. Das Überqueren des Albachtales war wegen des Niveauunterschiedes aufwändiger; hier musste die Bahn zwei Eisenbahnbrücken, eine über den Weg, der zum Ortsteil Albach führt und eine über den Albach selbst bauen lassen.

Die Bahn durchschnitt in Wasserliesch noch zwei weitere Wege, nämlich die heutige Bergstraße und den Feldweg von der heutigen Kordelstraße zur damals nur landwirtschaftlich genutzten Gemarkung „Auf Periol". Diese Kreuzungsstellen mit der Bahn erhielten - zumindest anfangs - keine befahrbaren Bahnübergänge, sondern nur jeweils einen Fußwegübergang. Wie alten Akten erkennen lassen, soll der Fußwegübergang in der Bergstraße nur so breit angelegt gewesen sein, dass „eine Person mit zwei Wassereimern" die Bahn überqueren konnte.

Die Bahnübergänge besaßen anfangs keine Schrankenanlagen, auch die innerhalb des Ortes nicht. Soweit später welche vorhanden waren, sind sie erst in den 1890er Jahren eingebaut worden, als der stärker gewordene Zug- und Straßenverkehr dies notwendig machte. Zu dieser Zeit erhielten aber erst einmal nur der Bahnübergang zwischen Reinig und Konz und der Bahnübergang zwischen Wasserliesch und Oberbillig und einer in Oberbillig selbst Schran­ken. Die letzteren beiden konnten später durch den Bau der neuen Obermoselstraße, die man an der Bahn entlang führte, wieder entfallen.

Die Eisenbahn veränderte auch den ‚Verlauf der Straße von Reinig nach Konz. Sie verlief vor dem Bahnbau näher zur Mosel hin, knick­te vor dem „Fuchs­gra­ben", der aus Richtung Tawern paral­lel zur Saar verlaufend unweit der Saarmündung in die Mosel mündet, bog dort nach rechts ab und stieß ungefähr in Höhe des heu­tigen Bau­marktes auf die von Tawern über den „Sand" her­unter kommende frühere Rö­mer­straße, die „Chaussée von Perl nach Trier", wie sie damals hieß. Den hoch auf­ragen­den Bahndamm mit dem von Bäumen bewach­senen ehemaligen Schuttberg gab es noch nicht. Um das Kreuzen der Bahn mit der Straße in diesem Bereich zu vermeiden - dort lag das Niveau der Bahn­trasse höher, führte man sie etwa 300 m hinter der heutigen „Polenbrücke" als höhengleichen Bahnüber­gang über die Bahn hinweg und von dort aus weiter in Richtung Konz.

In Wasserliesch und Reinig schnitt die Bahntrasse den Zugang zu allen bergseitig gelege­nen Häusern und Grund­stücken ab. Alles, was oberhalb der Bahn lag, war vor dem Bahnbau ungehindert zugänglich. Um den Zugang weiterhin zu gewährleisten, wurde zwischen dem Bahnübergang in Reinig und dem in Wasserliesch ein bergsei­tig parallel zur Bahn verlaufender Weg, der heutige Winkelweg, neu angelegt; er kreuzte die heutige Bergstraße und mündete dann in die Löschemerstraße. Die geschlossene Bebauung entlang des Winkelweges entwickelte sich, ebenso wie die entlang der Hauptstraße, erst nach dem Bahnbau. So trug letztendlich die Bahn von Anfang mit an dazu bei, dass die beiden Dörfer Wasserliesch und Reinig nach und nach zusammenwachsen konnten.

Eisenbahnknoten Konz nach dem Bau der ObermoselbahnIn Wasserliesch werden die Einwohner das Durchschnei­den des Dorfweges, der von der heutigen Neudorfstraße an der alten Kirche und dem Friedhof vorbei zur Lösche­merstraße führte, zweifellos besonders kritisch betrachtet haben, denn dieser Weg war die wichtigste Verbindung zum Oberdorf und zu den am Berg­hang gelegenen Feldern, Wie­sen und Gärten. Die heutige Bergstraße, die sich damals außerhalb des Ortes befand, schnitt die Bahn erst einmal ab; vermutlich blieb für Fußgänger ein einfacher Fußweg­über­gang erhalten. Wer sein oberhalb der Bahn liegendes Grundstück erreichen wollte, konnte den neuen Parallelweg oberhalb der Bahn entweder von der Löschemerstraße oder von Reinig her benutzen. Alles in allem erschwerte die neue Bahntrasse das Bewirtschaften der bergseits gelegenen Ländereien und veränderte so viele althergebrachte Gewohnheiten.

Zweifellos haben die vom Bahnbau verursachten Veränderungen in Wasserliesch schon nach dem Bekanntwerden der Trassenführung Widerspruch und Proteste ausgelöst, viel­leicht auch erst nach der Eröffnung der Bahnlinie, nachdem man erste Erfahrungen gemacht hatte. Falls es Änderungs­wünsche gegeben hat, blie­ben sie zunächst unerfüllt; sie wurden von der Eisenbahndi­rektion abgewiesen, oft ein­fach aus Geld­mangel. Man musste die Nachteile hinneh­men und beim Bewirtschaften der Ländereien irgendwie mit den Erschwer­nissen und Umwegen, die sich aus dem Bahnbau ergaben, umgehen lernen.

Die Erdarbeiten zum Bau der Obermoselbahn begannen in Wasserliesch und Reinig am 17. April 1875. Obwohl erst einmal nur ein Gleis verlegt werden sollte, planierte man die Trasse gleich für das zweite mit. Da die Bahn am unteren Rand des Löschemer Berges vorbei führte, hielten sich die Erdbe­wegungen hier in Gren­zen, Häuser standen jedenfalls nicht im Wege. Dennoch wa­ren, wie damals immer bei sol­chen Bauvorha­ben, ganze Heerscharen von Arbeitskräf­ten notwendig, denn es gab noch keine großen Baumaschinen; al­le Erdbe­wegungen mussten in mühsamer Handarbeit ausgeführt werden. Die Arbeiter gru­ben die Bahntrasse je nach den örtlichen Gegebenheiten aus dem Gelände heraus und pla­nierten ihn ein oder schüt­teten einen Damm auf, so beispielsweise im Bereich der Saarbrücke und über das Albachtal hinweg.

Mancher Leser mag sich fragen, aus welchem Grund im Bereich des Marktplatzes zwei nahe beieinander liegende Un­terführungen gebaut worden sind, nämlich die breite Straßenunter­führung am Haltepunkt Wasserliesch und nur wenige Meter westlich davon die enge Fußwegunterführung, die der Volksmund „Kregullchen" nennt. Das Wort „Kregull" stammt aus dem Französichen und setzt sich zusammen aus den französischen Wörtern „créer" - erschaffen, erbauen und „couloir" - Gang oder Korridor, aus dem sich auch das Wort „Gully" ableitet. Daraus wurde in der moselfränkischen Mundart die Bezeichnung „Kregull(chen)". Wörtlich übertragen handelt es sich also um einen unter der Bahn hindurch gebauten Durchgang.

Die beiden Unterführungen entstanden in den Jahren 1894/95, als das zweite Streckengleis verlegt werden sollte. Der Bau der breiten Unterführung am Haltepunkt machte den höhengleichen Bahnübergang im Dorfweg Neudorfstraße/Löschemerstraße entbehrlich. Offensichtlich wollte man aber Fußgängern die Möglichkeit eDer Oberbilliger Blockrhalten, die Bahn an dieser Stelle weiterhin kreuzen zu können. Dazu bot sich der Umbau des vorhandenen Tunnels an; er diente ursprünglich als Durchlass für das vom Berg herunterfließende Wasser, das heute in die Kanalisation fließt. Auch wenn dieser Tunnel ziemlich niedrig und eng war - halbwegs hoch gewachsene Leute mussten beim Hindurch­gehen den Kopf einziehen - erspart er doch den Umweg durch die breite Straßenunterührung. Allerdings konnte man wegen der bergseitigen Treppenstufen keinen Handwagen mitnehmen. Der Handwagen oder Handkarren ist damals unverzichtbares Transportmittel des „kleinen Mannes" gewesen, der seinen Lebensunterhalt zum großen Teil aus der Landwirtschaft bestreiten musste. Im Jahr 2012 ersetzte die Bahn das niedrige enge "Kregullchen" durch einen hinreichend breiten und hohen Fußwegtunnel.

In den 1880er Jahren entstanden auf Wasserlie­scher Gemeindegebiet weitere Bahn­anla­gen. Ein­gleisige Bahnstrecken benöti­gen in ge­wis­sen Ab­ständen Kreuzungsstellen, an denen die in entge­gen­gesetzter Richtung fahren­den Züge ein­an­der ausweichen können. Eine sol­che Kreuzungs­stelle wurde zwischen Wasserliesch und Oberbillig ge­baut. Sie wurde anfangs „Kreuzungs­stelle Wasser­liesch" genannt, weil sich das Kreu­zungs­gleis über­wiegend auf Wasserlie­scher Ge­meinde­gebiet be­fand. Im Februar 1888 wurde sie in „Kreu­zungsstelle Oberbillig" umbe­nannt. Für die Bedie­nung der Wei­chen baute man später auf halbem Weg zwischen Wasserliesch und Oberbillig neben der heutigen Bundesstraße ein Stellwerk. Es war gleichzeitig Block­stelle und blieb auch nach dem Bau des zwei­ten Strecken­gleises im Jahre 1895 in Betrieb. Noch heute spre­chen einheimi­sche Bewoh­ner vom „Oberbilli­ger Block", wenn sie diesen Be­reich zwi­schen Wasser­liesch und Oberbillig meinen. Das Gebäude ist im Jahr 1959 abgerissen worden, nachdem automatisch ar­beitende Block­sig­nale die Regelung der Zug­folge übernommen hatten.

 

 

Wasserliesch sollte keine „Station" bekommen

 

Im Jahre 1874 wurde bekannt, dass Wasserliesch keine Haltestelle - keine „Station", wie man damals sagte - erhalten sollte. Doch die Wasserliescher akzeptierten das nicht und wehrten sich gegen die Pläne der Eisenbahndirektion. Die Gemeinde ersuchte die Behörde schriftlich, eine Haltestelle zu genehmigen und verwies auf ih­ren „im ganzen Land angese­henen Handel mit Kalk- und Sandsteinen"; sie waren nach 1842 wegen ihrer guten Qualität sogar zum Bau des Kölner Domes mit verwendet worden. Jedenfalls sind damals um den Liescher Berg herum und im Albachtal noch mehrere Steinbrüche in Betrieb gewesen. Die Mei­nung der Einwohner zum Bau einer Station war aber gespalten. Einige Wasserliescher Bauern wollten lieber keinen Bahnhof, denn sie befürchteten Einnahmeverluste durch den Wegfall ihrer Fuhr­werkstransporte. Die Eisenbahndirektion lehnte den Antrag mit der Be­gründung ab, dass Wasserliesch „zu nahe an dem zu errichtenden Bahnhofe zu Carthaus" liege, wie es wörtlich hieß, auch Temmels erhalte ja keinen eigenen Bahnhof, weil er zu nahe an Wellen liege. Diese Begründung ist heute natürlich nicht mehr nachvollziehbar, sie war es vermutlich auch damals nicht.

Die Gemeinde ließ jedoch nicht locker und berief sich in einem weiteren Antrag erneut auf die Wasserliescher Kalk- und Sandsteine, die mit der Eisenbahn abtransportiert werden sollten. Daraufhin nahmen die Verantwortlichen der Eisenbahndirektion die Situation vor Ort in Augenschein, lehnten den Antrag aber erneut ab, dieses Mal mit der Begründung, das Frachtaufkommen sei zu gering.

Währenddessen, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Baubeginn der Obermoselbahn, teilte die Eisenbahndirektion Saarbrücken am 17. April 1878 dem Trierer Regierungspräsi­denten mit, dass der Streckenabschnitt von Ehrang über Trier rechts der Mosel bis zur Reichsgrenze bei Perl soweit fertig gestellt sei, dass er landespolizeilich abgenommen wer­den könne. Die Saareisenbahn hatte man im Bahnhof Karthaus an die Obermoselbahn angebunden; sie endete nun dort und nicht mehr in Trier links der Mosel. Das Gleis, das die Obermoselbahn von Karthaus aus mit der Moselbrücke verband, war noch nicht fertig gestellt, es wurde erst am 15. November 1878 in Betrieb genommen. Fünf Jahre später, im Jahr 1893, war auch die zweite Verbindungskurve, die von der Moselbrücke zur Saarbrücke führte und dort in die Obermoselstrecke einmündete, fertig gestellt. Kurz zuvor war angeordnet worden, den bishe­rigen Bahnhof in Trier West zur besseren Unterscheidung „Trier l. d. M." (links der Mo­sel) und den neuen Bahnhof auf der anderen Moselseite „Trier r. d. M." (rechts der Mosel) zu nennen. Gleichzeitig wurde ein Haltepunkt im Stadtgebiet rechts der Mosel, der an­fangs „Löwenbrü­cken" hieß, in „Trier Süd" umbenannt.

Der Bahnhof Trier rechts der Mosel, heute Trier HbfDer Bahnhof Trier r. d. M. war zuerst ein als Fachwerkbau mit Backstei­nen errichtetes provi­sorisches Gebäude. Im Jahr 1883 begann man mit dem Bau eines neuen reprä­sentativen Empfangsgebäudes. Der erste Gebäudeteil wurde am 7. Juni 1885 in Betrieb genommen; im Jahr 1903 war das Gebäude endgültig fertig gestellt. Das im Neorenaissance-Stil aus lothrin­gischem Sandstein erbaute Ge­bäude ist während des zweiten Weltkrieges vollständig zerstört und in den 1950er Jahren als moderner Zweckbau neu aufge­baut worden.

Die Abnahme der Obermosel­bahn erfolgte am 4. Mai 1878 während der Fahrt eines „Se­pa­ratzuges", wie man Sonder­züge damals nannte. Er be­stand aus einem Salonwagen und je einem Wagen 1., 2. und 3. Klasse. Im Zug saßen die Prüfingenieure und geladene Ho­noratioren. Die Fahrt begann in Ehrang und führte über Trier rechts der Mo­sel, von dort nach Karthaus und weiter bis zur Reichsgrenze zwi­schen Perl und Sierck. Der Zug hielt un­terwegs überall dort an, wo es etwas abzunehmen oder zu besichtigen galt.

Am 15. Mai 1878 wurde die Obermoselstrecke offiziell er­öff­net, „obwohl in den Bahn­hö­fen und sonstigen Bahnloka­litäten" noch manches unfertig gewesen sei, so die „Trieri­sche Landszeitung". Den ersten fahrplanmäßigen Zug von Trier nach Thionville nutzten etwa 40 Fahrgäste, bei der Rückfahrt seien es 50 bis 60 gewesen. Die Eröffnung der Bahnstrecke habe „ohne Sang und Klang" stattge­funden, wusste die Zeitung. Offenbar war die Inbe­trieb­nahme einer neuen Eisen­bahn­strecke schon kein besonderes Ereignis mehr.

Die Zeitung hatte am 6. Mai 1878 einen Fahrzeitvergleich veröffentlicht. Danach benötigte man für die Fahrt mit der „obe­ren Moselbahn" von Trier nach Metz in so genannten „ge­mischten Zügen", die aus Per­sonen- und Güterwagen zu­sammengestellt waren, rund 1 ½  bis zu 4 Stunden, zum Erreichen desselben Ziels brauchte man über Luxemburg dagegen knapp 4 Stunden. Diese Fahrzeiten empfand die Zeitung offenbar noch als zu lang und versprach, dass sich das mit der Fertigstel­lung des Strecken­abschnittes von Kob­lenz bis Trier und „der Einfüh­rung von Schnell- und Kurierzü­gen" än­dern werde. Deut­lich schneller als mit dem Dampf­schiff ging es mit dem Zug aber allemal, denn im Jahre 1839 dauerte die Fahrt von Trier nach Metz mit dem Schiff noch 14 Stunden; selbst Mosel abwärts brauchte das Schiff 6 Stunden und damit deutlich länger als der langsamste Zug.

Die Zahl der beförderten Fahrgäste und die Menge der Transportgüter auf der Obermosel­bahn dürften dennoch anfangs eher bescheiden gewesen sein. Obwohl wirtschaftliche Aspekte den Bau der Bahnstrecke von Anfang an mit bestimmt hatten, sind eben doch eher militärstrategische Überlegungen für den Bahnbau entscheidend gewesen. Natürlich wollte die Bahn auch Geld verdienen und hatte daher schon vor dem Bahnbau das zu erwartende Gütertransportaufkommen im Auge. Dabei war sie natürlich an größeren Transportmengen über weite Entfernungen interessiert. Das Aufkommen der Wasserliescher Kalk- und Sandsteine hatte dabei keine große Rolle gespielt; es hatte der Bahnverwaltung nicht einmal für die Genehmigung einer Verladestelle ausgereicht.

Die ersten Züge zwischen Trier und der Reichsgrenze bei Perl oder auch Thionville und Metz sind gemischte Züge gewesen, die sowohl Personen als auch Güter beförderten. Da diese Züge unterwegs nicht nur zum Ein- und Aussteigen anhielten, sondern auch zum Ver- und Entladen von Stückgütern sowie zum Aufnehmen und Absetzen von Güterwagen - es musste also unterwegs rangiert werden -, kam es zu vergleichsweise langen Fahrzeiten.

Von einem Personen-Fernverkehr im heutigen Sinn konnte man auf der Obermoselbahn in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Eröffnung sicher noch nicht sprechen. Eine Schnellzugverbindung gab es erst nach dem Jahr 1897 von Metz oder Thionville nach Koblenz und zurück. Die Zugverbindung blieb bis zum Ersten Weltkrieg erhalten und wurde später bis nach Gießen und dann bis Berlin Podsdamer Bahnhof verlängert. Bei der Tagesverbindung führten die Züge einen Speisewagen, nachts auch Schlafwagen mit. Es gab aber nie eine direkte Bahnverbindung von der Obermoselbahn über Trier und die Eifelstrecke direkt nach Köln. Wer so fahren wollte, musste in Trier umsteigen. Zwischen den beiden Weltkriegen verkehrten auf der Obermoselbahn überhaupt keine Züge des Personenfernverkehrs, denn nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg mit dem Verlust Lothringens an Frankreich gab erst einmal keinen Bedarf mehr für eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Metz und Berlin.

Die Schnellzüge des Fernverkehrs boten schon früh relativ ruhig laufende vierachsige Reisezug­wagen, die auf zwei Drehgestellen lagerten. Sie gestalteten das Reisen gerade auch auf längeren Strecken schon recht bequem. Dagegen bestan­den die Züge des Nahverkehrs noch bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hinein vielfach aus zweiachsigen Wagen mit je einer Ein- und Ausstiegsbühne an den Kopfenden oder aus drei­achsigen Wagen mit jeweils mehreren an der Seite angebrachten Türen, wobei jedes einzelne Abteil eine Tür besaß. Diese Wagen waren mit ihrer et­was bauchigen Form im Grunde den Postkutschen nachgebildet. Auch wenn die Fahrt mit der Eisen­bahn im Vergleich zur Postkutsche viel komfortab­ler war, gerieten längere Bahnreisen in diesen sehr hart abgefederten Fahrzeugen in der so genannten „Holzklasse", der „vierten" Wagen­klasse, wegen der noch nicht durchgehend geschweißten Schie­nen immer noch zu einer Tortur. Nur die erste und zweite Wagenklasse boten gepolsterte Sitze. Schon früh hatte man eine vierte Wagenklasse eingeführt, um Leuten mit wenig Geld das Fahren mit der Eisenbahn zu ermöglichen. Erst im Jahr 1928 wurde die vierte Wagenklasse abgeschafft, die Dritte, immer noch überwiegend Holzklasse, verschwand erst 1956, als nach und nach modernere Fahrzeuge mit Postersitzen zum Einsatz kamen.

 

 

So funktionierte früher die Eisenbahn in Wasserliesch und anderswo

 

Die Betriebsführung der Bahn gestaltete sich anfangs recht einfach. Gänzlich ohne die Unterstüt­zung mit technischen Sicherungseinrichtungen, die heute auf allen Eisenbahnstrecken selbstver­ständlich sind, war allein der Mensch für die Sicherheit des Bahn­betriebes verantwortlich.

Arbeitsplatz eines Fahrdienstleiters mit Morse-FernschreiberAm Grundprinzip des Bahnbetriebes hat sich indes bis heute nichts verän­dert. Immer schon mussten die Züge wegen ihres ver­hältnismäßig langen Bremsweges im „Raumabstand", auch „Blockab­stand" genannt, fahren; das Fahren „auf Sicht", wie etwa bei der Stra­ßen­bahn und im Straßenverkehr über­haupt, ist im Schienenverkehr, vor allem bei höhe­ren Geschwin­dig­keiten, nicht praktikabel. Ein Zug darf einem vorausgefahrenen grundsätzlich erst dann folgen, wenn dieser eine be­stimmte Gleis­strecke geräumt hat. Um die­ses Verfahren zu ge­währleis­ten, benö­tigte man damals entlang der Bahn­strecke in kürzeren Abstän­den Strecken­pos­ten, die nach Möglichkeit untereinan­der Sichtkon­takt halten mussten. Die Postenwärter verstän­dig­ten sich mit­hilfe einer Fahne, bei Dunkelheit und schlechter Sicht mithilfe einer Fackel oder Lampe und signali­sierten damit auch dem Lokomotivfüh­rer, ob er ab- oder vor­beifah­ren durfte. Auf diese Weise sorgten sie für das Ein­halten des Blockab­standes. Im Zuge der techni­schen Weiterent­wick­lung er­setzte man später die Handzeichen durch ortsfeste Form­signale, die der Pos­tenwärter be­diente. Zur Verstän­di­gung der Posten unter­einan­der be­nutzte man ab der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts die neu entwi­ckel­ten Fernsprech- und Fernschreib­einrichtungen sowie  Läu­te­werke, die dem Postenwärter das Herannahen eines Zuges akus­tisch und schriftlich anzeigten. Die Fernschreibge­räte arbei­teten damals noch mit der Morsetechnik, also mit Schriftzei­chen, die sich aus Stri­chen und Punkten zu­sammensetzen.

Im Gemeindegebiet von Wasser­liesch gab es Anfang des 20. Jahr­hunderts drei Stre­cken­posten: Pos­ten 79 am Bahn­übergang zwischen Rei­nig und Konz - er bediente die dor­tige Schranken­anlage mit, Posten 80 am Halte­punkt Wasser­liesch und Posten 81 zwischen Wasserliesch und Oberbil­lig - auch diese beiden oblag die Bedienung von Schran­ken­. Bei der Annäherung an unbe­schrankte Bahnüber­gänge warnte der Lokomotivführer die We­gebe­nutzer durch Läuten und Pfeifen. Aus diesem Grund und wegen des Ratterns der Räder über die jeweils nach 15 m im Gleis vorhandenen Schienenstöße war die Vorbei­fahrt eines Zuges in Wasser­liesch und Reinig bestimmt nicht zu überhören - lückenlos zusammengeschweißte Gleise wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.

Die Bahn hatte zwischen Konz und Merzlich, im heutigen Stadtteil Konz - Karthaus, bis zum Jahr 1871 einen größeren Bahnhof für das Zusam­menstellen und Auflösen der Güter­züge der Saareisenbahn gebaut Auf diesen rund fünf Kilometer entfernten Bahn­hof hatte die Eisenbahndirektion die Einwohner von Wasserliesch und Reinig anfangs verwiesen und das Einrichten einer eigenen Haltestelle verweigert. Das akzep­tierte die Gemeinde von Anfang an nicht. Sie war deshalb in der Planungsphase und während der Bauzeit, spätestens unmittelbar nach der Inbetrieb­nahme der Bahnstrecke, immer wieder mit der Bitte um Genehmigung eines eigenen Bahnhofs vorstellig geworden. Schließlich hatte die Eisenbahndirektion nachgegeben und eine „Station" für Wasserliesch genehmigt. Sie ist vermutlich im Bereich der heutigen Windgasse auf der Trasse des erst 1894 verlegten zweiten Gleises angelegt worden. Ihre Er­öffnung fand schon am 1. Dezember 1878 statt, nur gut ein halbes Jahr nach der Inbetriebnahme der Bahnstrecke.

Der Haltepunkt Wasserliesch als Wasserliesch hatte also doch noch seinen eigenen „Bahnhof" erhalten, auch wenn es nur ein Haltepunkt ge­worden war, der keine Einrichtungen zum Verladen von Gü­tern besaß. Die Leute waren dennoch zufrieden, denn man konnte nun von und nach Wasser­liesch mit dem Zug fahren. Äl­tere Einwohner wissen noch, dass ein „richtiger" Bahnhof mit Verladeeinrichtungen zwischen Wasserliesch und Reinig gebaut worden wäre, wenn die Gemeinde das dafür notwendige Gelände bereitgestellt hätte.

Die erste Haltestelle, die wahrscheinlich nur aus einem niedrigen unbefestigten Bahnsteig bestand, musste später dem Bau des zweiten Streckengleises weichen und an eine andere Stelle verlegt werden. Die Eisenbahndirektion hatte dazu einen Platz östlich der heutigen Bergstraße am damaligen Ortsrand in Richtung Reinig ausgesucht. Nachdem hier die Vermessungsarbeiten bereits abgeschlossen waren, machte einer der Grundstückseigentümer Schwierigkeiten. Daraufhin entschied man sich für den derzeitigen Standort westlich der Bergstraße. Diese bildete dann auch den Zugang zum Bahnsteig und zu den Zügen.

Während der ersten 17 Jahre nach dem Bahnbau hatte sich gezeigt, dass der höhengleiche Bahnüber­gang in der Verbindung von der heutigen Neudorf- zur Löschemerstraße als einzige befahrbare Verbindung zwischen den Ortsteilen und Grundstücken beiderseits der Bahn den Anforderungen nicht mehr genügte. Es musste eine vom lau­fenden Bahnbetrieb unabhängige Überquerungsmöglichkeit geschaffen werden. Das war nur an einer Stelle möglich, nämlich westlich des neuen Haltepunktes. Ganz einfach war das nicht, denn es kam nur eine Straßenunterführung in Frage; eine Straßenbrücke über die Bahn hinweg hätte dort nicht gebaut werden können. Man musste also unter der Bahn hindurch und die durchgehende Häuserreihe unterhalb der Bahn durchbrechen.

So kam es in den Jahren 1894/95 erneut zu umfangreichen Erdbewegun­gen im Ort. Beiderseits der Bahn­trasse musste das Erdreich ziemlich tief ausge­hoben werden. So entstand oberhalb der Bahn ein ziemlich tiefer Geländeein­schnitt, der sich auf der gegenüber liegenden Seite bis in den Bereich des heutigen Marktplatzes hinein zog. Um den nötigen Platz dafür zu schaffen, wurde ein Haus abgerissen. Nur so war es möglich, die Straße unter der Bahn hin­durchführen zu können. Die Erdarbeiten haben sich wohl über viele Monate hingezogen haben, denn das "Ausschachten" geschah in mühsamer Handarbeit. Schon bald sprachen die Leute vom „Schacht", wenn sie diese Baustelle meinten, eine Bezeichnung für den Geländeeinschnitt, die sich auch nach Beendigung der Bauarbeiten hielt. Noch heute sprechen ältere Mitbewohner vom Schacht, wenn sie diesen Bereich meinen. Die Eisenbahnbrücke musste bei laufendem Bahn­betrieb gebaut werden; das dürfte damals für die Bauingenieure eine besondere Herausforde­rung gewesen sein. Als alles fertig war, hatte sich das Ortsbild hier völlig verändert. Am Bau der Straßenunterfüh­rung war die Wasserliescher Bauunternehmung Steinmetz be­teiligt. Ihre Arbeiter stießen im "Schacht" auf das Kapitell einer steinernen Säule. Fachleute identifizierten sie als ein Überbleibsel der Römischen Villa von Wasser­liesch. Die ausge­dehn­te Wohn- und Badeanlage aus dem frühen ersten Jahrtausend erstreckte sich vom Marktplatz über die Bahntrasse hinweg bis in den Bereich der Baustelle hinein.

Der Haltepunkt Wasserliesch um 1900Der 1894/95 erbaute Halte­punkt besaß einen brei­te­n Hausbahnsteig moselseits der bei­den Streckengleise, zwi­schen den beiden Gleisen war ein zweiter einfacher Bahnsteig angelegt. Wer mit dem Zug nach Trier wollte oder aus Richtung Obermosel hier an­kam, musste über das von Trier kommende Gleis hin­weg ein- oder aussteigen. Um die Fahrgäste dabei nicht zu gefährden, war vor dem Bahn­steig ein so ge­nanntes „De­ckungs­signal" auf­ge­stellt. Da­vor mussten die Züge der Ge­genrichtung an­halten, während die Leute das Gleis überschrit­ten. Die Bedie­nung des De­ckungs­signals oblag dem Hal­tepunkt­wärter. Der Bahnsteig war da­mals nur von der heuti­gen Bergstraße aus zu­gäng­lich - der bergseitige Bahnsteig und die beiden Trep­penaufgänge, die heute von der Straßenun­terführung aus zu den Bahn­stei­gen führen, sind später erst gebaut worden.

Aus dem Jahre 1913 ist über­liefert, dass die damals so genannten „Wei­chensteller 1. Klasse" Reis, Kohn, Wagner und Trierweiler zu den Beamten gehörten, die am Haltepunkt Wasserliesch ihren Dienst verrichteten.

So wie es aussieht, sind im Zusammenhang erst mit dem Bau des neuen Haltepunktes die beiden beim Bahnbau durch­trennten Teile der Bergstraße durch einen höhengleichen beschrankten Bahnübergang für das Befahren mit Fahrzeugen wieder miteinander verbunden worden. Das war wohl notwen­dig geworden, weil die mit Zugtieren bespannten Fuhrwerke die Steigung aus dem so genannten „Schacht" an der neuen Straßenunterführung heraus zum Winkelweg nicht bewältigen konnten. Die Bedienung der Schran­kenanlage oblag dem Haltepunktwärter, der ja ohnehin anwesend war; sodass kein besonderer Schrankenwärter beschäftigt werden musste.

Rund 60 Jahre später stand der Bahnübergang Bergstraße zur Disposition; er sollte zunächst stundenweise und später vollständig geschlossen werden. In der Gemein­deratssitzung vom 17. Mai 1955 berieten die Gemeindevertreter über die Absicht der Deutschen Bundesbahn, den Bahnübergang in den Nachtstunden zu schließen. Als Begründung hatte die Bundesbahndirektion Trier u. a. angegeben, dass dieser Bahnübergang nie als Fahrweg benutzt worden und daher entbehrlich sei. In alten Akten sei davon die Rede, er habe nur eine solche Breite, die gestatte, „dass eine Person mit 2 Wassereimern die Schienen überschreiten kann". Dem wurde von mehreren Gemeindevertretern energisch widersprochen. Ältere Ratsmitglieder erklärten, dass der Bahnübergang stets so eingerichtet gewesen sei, dass Pferde und Rindviehfahrzeuge passieren konnten. Ebenso habe eine in der Nähe wohnende alte Frau erklärt, schon ihr Vater habe vor mindestens 70 Jahren mit einem Fuhrwerk den Übergang benutzt.

Man kann wohl davon ausgehen, dass der Bahnübergang Bergstraße schon vor 1894 bestanden hat, allerdings anfangs wohl nur als Fußwegübergang, ebenso wie auch der Fußwegübergang am Standort der heutigen Kordelbrücke. Dies könnte auch die Aussage erklären, dass er „für eine Person mit 2 Wassereimern" angelegt gewesen sein soll. Es kann sein, dass ein breiterer Bahnübergang erst beim Bau der Straßenunterführung und des neuen Haltepunktes für die Benutzung mit Fahrzeugen entstanden ist. Jedenfalls kam es in der Sitzung des Gemeinderates von 1955 noch zu keinem Beschluss des Gemeinderates. Die Diskussion über eine Schließung war aber damit jedoch nicht zu Ende; die Gemeinde klagte sogar gegen die Absicht der Bundesbahn vor dem Verwaltungsgericht. In der Gemeinderatssitzung vom 1. März 1957 riet ein Vertreter des Landratsamtes Saarburg der Gemeinde dazu, die Klage wegen des damit verbundenen hohen Kostenrisikos nicht weiter zu verfolgen. Man müsse letztendlich der Schließung des Bahnüberganges zustimmen, weil es nicht möglich sei, „wegepolizeiliche bzw. verkehrspolizeiliche Belange in die Wagschale zu werfen". Nachdem alle Argumente für und gegen die Zurücknahme der Klage ausführlich durchgesprochen waren, beschlossen die Gemeindevertreter einstimmig, die Entscheidung erst einmal 4 Wochen zurückzustellen „und das Bundesverwaltungsgericht wegen Vornahme der Klagebegründung an die Gemeinde herantreten zu lassen".

In diesem Zusammenhang ist auch längere Zeit über den Bau eines Fußwegtunnels bzw. einer Fußwegbrücke über die Bahn als Verbindung zwischen der Straße „In der Acht" und der „Brunnenstraße" diskutiert worden. Das Vorhaben wurde zuletzt wegen der damit verbundenen hohen Kostenbelastung der Gemeinde aufgegeben. Die Schließung des Bahnüberganges Bergstraße zog sich noch über einige Jahre hin. Zuletzt musste der Gemeinderat wohl oder übel der Schließung zustimmen.

Am Haltepunkt Wasserliesch gab es bis in die 1980er Jahre mehrere Gebäude. Auf dem mo­selseitigen Bahn­steig stand ein im Jahre 1913 für 5 000 Mark erbautes Emp­fangsgebäude. Es war ein ein­geschossiger Backsteinbau mit Dienstraum, Fahrkarten­schal­ter und Warte­raum. Ein klei­nerer Warteraum stand spä­ter auch auf dem zweiten Bahnsteig am berg­seitigen Gleis. Au­ßerdem befand sich dort - etwas in Richtung Reinig ver­schoben - ein Güter­schuppen für die Ver­ladung von Stückgütern mit beiderseitigen Laderampen und Schiebeto­ren, die sich zur Gleis- und Straßenseite hin öffnen ließen. Die letzteren beiden Gebäude sind erst im Jahre 1933, vermutlich gleichzeitig mit dem Bau der beiden Treppenaufgänge und dem zweiten Bahnsteig, erbaut worden. Am 1. Juli desselben Jahres wurde der Haltepunkt für die Beförde­rung von Stückgut freigegeben, wobei man das Höchst­gewicht jeder Sendung auf 500 kg begrenzte. Es hat in Wasserliesch aber nie eine Möglichkeit gegeben, Güterwagen zu be- und entla­den, denn es war nie ein Ladegleis vorhanden.

Vom und zum Haltepunkt Wasserliesch sind immerhin fast 30 Jahre lang Stückgüter befördert worden. Im Jahre 1961 trat Deutsche Bundesbahn an die Gemeinde heran mit der Bitte, der Aufhebung des Stückgutverkehrs und einer nur noch stundenweisen Bedienung des Personen-, Gepäck- und Expressgutverkehrs zuzustimmen. Der Haltepunkt solle in den Nachtstunden von etwa 21 Uhr bis 6 Uhr nicht mehr besetzt sein und der Bahnübergang Bergstraße während dieser Zeit geschlossen bleiben. In der Gemeinderatssitzung vom 17. Mai 1961 berieten die Gemeindevertreter diesen Antrag und fassten zur beabsichtigten Aufhebung der Abfertigungsbefugnis für Stückgut einstimmig folgenden Beschluss:

„Die Gemeindevertretung Wasserliesch protestiert gegen die beabsichtigten Maßnahmen der Bundesbahn, da dieselben mit Rücksicht auf die Bevölkerung und die in Wasserliesch ansässigen Unternehmen nicht zumutbar ist."

Die Gemeindevertretung bestand einstimmig darauf, dass die Schranke am Bahnübergang Bergstraße auch bei Nacht nicht geschlossen werden dürfe. Doch der Protest nützte letztendlich nichts, der Stückgutverkehr wurde eingestellt. Den Güterschuppen ließ die Bahn danach abrei­ßen. Anfang der 1960er Jahre wurde der Bahnübergang in der Bergstraße endgültig geschlossen. Da nun kein Schran­kenwärter mehr gebraucht wurde, konnte die Bahn die Besetzung des Haltepunktes einschränken und ließ hier nur noch Fahrkarten verkaufen.

Am 28. Mai 1961 stellte die Bahn auch den Fahr­kartenverkauf durch eigene Mitarbeiter ein. Wer mit dem Zug nach Trier fahren wollte, musste bis dahin den Treppenaufgang zum Bahnhofsgebäude hinaufgehen, dort seine Fahrkarte kaufen, die Treppe wieder hinunter­steigen, die Unterführung durchqueren und den Treppenaufgang auf der anderen Seite zum Bahnsteig wieder hinaufgehen. Um diese vor allem für ältere und gehbehinderte Fahrgäste nicht mehr zumutbaren Umstände zu verbessern, ließ die Bahn im Jahre 1965 das Bahnhofsge­bäude abreißen. In das Wartehäuschen auf dem bergseitigen Bahnsteig ließ sie einen klei­nen Verkaufsraum mit Fahrkartenschalter einbauen und richtete darin eine Agentur ein. Frau Therese Clemens aus Wasserliesch übernahm die Agentur auf vertraglicher Basis. Sie ver­kaufte die Fahrkarten und betreute die Wasserliescher Bahnkunden mehr als 22 Jahre lang. Am 31.12.1987 wurde die Agentur geschlossen und das Gebäude abgerissen. Der Fahrkartenverkauf in Wasserliesch blieb danach den in dieser Zeit neu entwickelten Fahrkartenautomaten vorbehalten.

 

 

Die Eisenbahn in und um Wasserliesch im 20. Jahrhundert

 

Die Eisenbahn war in Deutschland in­nerhalb eines halben Jahrhunderts un­verzichtbar ge­worden, und das keines­wegs nur für das Mili­tär. Im Gegensatz zu Postkutsche, Pferde-, Kuh- und Ochsenkarren konnte sie viele Personen und große Gütermengen über weite Entfernungen wesent­lich schnel­ler befördern. Kein Wunder also, dass sie die herkömmli­chen Trans­portmittel schon Ende des 19. Jahrhun­derts überflügelt hatte und zum wichtigsten Ver­kehrsträger geworden war. Als Folge dieser Entwicklung mussten die Bahnanla­gen ständig ange­passt und weiter ausgebaut werden. So baute man im Jahre 1900 auf der Konz gegenüber liegenden Seite der Moselbrücke, im Bereich Heidenberg, die nur wenige hundert Meter lange Querverbindung zwischen der Saarbahn und der Wilhelm-Luxemburg-Eisenbahn. Damit gab es nun erstmals auch eine durchgehende Verbindung von Trier l. d. M. nach Luxemburg.

Innerhalb des dadurch entstandenen Gleisdreiecks ließ die Eisenbahndirektion Trier irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg eine Gärtnerei, die „Bahngärtnerei Heidenberg" einrichten. Sie hatte die Aufgabe, den Pflanzen- und Blumenschmuck für die Bahnhöfe der ganzen Region zur Verfügung zu stellen - aus heutiger Sicht wahrlich eine Kuriosität, zumal das Gelände - außer über Feldwege -mit Straßenfahrzeugen nicht einmal so recht zugänglich war. Die Bahngärtnerei Heidenberg existierte nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch; erst in den 1980er Jahren wurde sie stillgelegt.

Am 15. August 1889, elf Jahre nach der Eröff­nung der Ober­moselbahn, war die Hochwald­bahn von Hermeskeil nach Trier in Betrieb genommen worden. Ein Jahr danach beantragte die Handels­kammer Trier den Bau einer Eisenbahn­strecke entlang der Mosel von Trier über Neu­magen nach Lie­ser - Mülheim; gebaut wurde sie bis Bullay. Im Jahre 1900 begannen die Bauar­beiten, am 19. Au­gust 1905 fand die Eröff­nung statt. Als Landeseisen­bahn wurde sie unter dem Na­men „Moseltal­bahn" - auch in Wasserliesch allgemein „Mo­sel­bahn" genannt - schnell bekannt und viel ge­nutzt. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg, im Jahr 1962 stillgelegt, verkör­pert sie bis heute den My­thos einer nostalgi­schen Touristen­bahn, ob­wohl sie das so nie gewesen ist. Weil sie viele der be­kannten Weinorte an der Mosel miteinander verband, nannte man sie scherzhaft auch „Sauf­bähnchen".

Bruecke über die Bahn in ReinigIn Wasserliesch und Rei­nig ent­standen um die Jahr­hun­dert­wende und später wei­tere Bahn­anla­gen. Im Jahre 1902 wurden die bei­den höhenglei­chen Bahn­über­gänge in Rei­nig und am Ende der Kordel­straße durch Brü­ckenbau­werke er­setzt. Der Grund, wes­halb das ge­rade zu diesem Zeitpunkt ge­schah, ist nicht bekannt. Mögli­cherweise waren sie ja doch von vorne her­ein ge­plant und anfangs nur we­gen Geld­mangels nicht ge­baut worden oder es waren die Bahn­übergänge selbst, die den Grund dafür geliefert hatten. Oftmals war nämlich der Raum zwi­schen den Schie­nen nur mit Schot­ter aufge­füllt. Das Über­queren der Bahn mit den meist von Zugtieren ge­zogenen Fahrzeu­gen war dann nicht im­mer ganz ein­fach. Manchmal blie­ben die metallbe­reiften Räder schwer beladener Fuhrwerke an den Schienen hängen und man brachte sie nur mit Mühe über die Gleise hin­weg, ein Um­stand, aus dem sich auch eine Gefahrensituation ergeben konnte. Dennoch sind die Kor­delbrücke und die Reiniger Brü­cke von der Bevölkerung nicht unbe­dingt freudig be­grüßt wor­den. Das Befahren der ziemlich steilen Brückenrampen mit Kuh- und Pferdege­spannen gestaltete sich ja nicht ganz prob­lemlos. Für Fußgänger bedeuteten die neuen Bahnbrücken auf jeden Fall einen Um­weg, min­destens der Weg über die Reiniger Brü­cke war länger als der über den Bahnübergang.

Die Reiniger- und die Kor­del­brü­cke sind damals bau­tech­nisch inte­ressante Bau­werke gewe­sen. Eine an­lässlich der Eröf­fnung heraus­gege­bene An­sichts­karte der Reiniger Brü­cke doku­mentiert, dass sie von der Bau­firma Wayss & Frey­tag AG mit Sitz in Neu­stadt an der Haardt (heute Neu­stadt an der Wein­straße) und Luxemburg gebaut wor­den ist. Ein Bauin­genieur und Hoch­schulprofes­sor na­mens Emil Mörsch die­ses noch heute existierenden Bauunter­nehmens hatte um 1900 herum das Bauverfahren „Beton­ei­senbau" neu entwickelt und war da­durch bekannt ge­wor­den. Die beiden Brü­cken in Reinig und Wasser­liesch dürf­ten zu den ers­ten Bau­werken gehört haben, die in diesem Bau­ver­fahren, das man später „Stahlbeton­bau" nannte, hergestellt worden sind. Inte­ressanter­weise lässt sich von diesen beiden Bau­werken eine Ver­bindung zur im Jahre 1910 erbauten Was­serliescher Pfarrkirche St. Aper herstellen. Bei ihrem Bau ist dieses Ver­fahren, das bei Sak­ralbau­ten gänzlich neu und un­gewöhnlich war und völlig neue Gestal­tungs­möglich­keiten eröffnete, ebenfalls angewandt worden.

Mittiges Ueberholungsgleis in OberbilligZwischen Wasserliesch und Ober­billig verlegte die Bahn im Jahre 1910 zwischen den bei­den Stre­ckengleisen an der Stelle, an der sie kurz nach dem Bahnbau die „Kreuzungs­stelle Was­serliesch" ein­gerichtet hatte, ein Überholungs­gleis, das anfangs Über­ho­lungs­gleis Was­ser­liesch hieß. Es war, ebenso wie das an­fängliche Kreuzungsgleis, Was­ser­liesch zuge­schrieben wor­den, weil es überwie­gend auf Ge­meinde­gebiet lag. Bahn­in­tern ge­hörte es zum Bahnhof Ober­billig.

Vor dem Ersten Weltkrieg entstand eine zusätzliche Eisen­bahnli­nie von Karthaus nach Igel mit einer impo­santen Eisen­bahnbrücke etwa 400 m unterhalb von Reinig über die Mosel hinweg. Sie veränderte das Bild der Landschaft zwi­schen der Konzer Moselbrücke und Rei­nig völlig.

Der Bahnhof Karthaus war zu einem großen Verschie­bebahn­hof ausge­baut geworden. Dort wurden auch die Gü­terzüge nach Lu­xem­burg und in Richtung Trier West gebildet. Sie mussten, nach­dem sie zu­sammenge­stellt worden wa­ren, so­zusagen „aus dem Stand her­aus" be­schleu­nigen, um die enge und zudem deutlich an­stei­gende ein­glei­sige Ver­bin­dungs­kurve zur Konzer Mosel­brücke hin­auf zu schaffen. Das gelang bei schwe­ren Gü­terzügen nicht so ohne Wei­teres, so­dass man sie jedes Mal mit einer Schie­belo­komo­tive an­schieben musste. Zu­dem reichte das ein­glei­sige Verbin­dungs­gleis zur Konzer Moselbrü­cke nicht aus, um den im­mer stär­ker werdenden Zugver­kehr zu bewälti­gen - auch das war ein Grund für den Bau der neuen Eisen­bahnlinie nach Igel. Drei Jahre, von 1909 bis 1912, benö­tigte man für die Rea­lisie­rung des Groß­projektes; am 20. April 1912 wurde die neue Bahnli­nie eröff­net.

Die Gleise des Bahnhof Kar­thaus endeten zu dieser Zeit unweit der Saarbrücke. Teile der heutigen Gran­astraße, das Kon­zer Feuerwehrge­bäude mit der Zufahrtstraße zur Firma Tar­kett und das anschließende Gelände in Richtung Karthaus ge­hörten zum Gleisbe­reich des Bahnhofs. Man verlegte parallel zur Ober­moselbahn zwei zusätzliche Gleise und verbreiterte die Saarbrü­cke, sodass sie vier nebeneinander liegende Gleise aufnehmen konnte. Am anderen Saarufer verlegte man die bei­den Gleise der Obermoselbahn so weit auseinander, dass zwi­schen ihnen ausreichend Platz für das Auf­schütten eines neuen Bahndammes entstand. Über ihn verliefen die beiden neuen Gleise von der Saarbrücke aus in weitem Bogen zu­nächst über das mo­selseitige Gleis der Obermosel­bahn hin­weg und dann in Höhe des heuti­gen Kieswerkes zu der Eisenbahn­brücke über die Mo­sel. Als Stahlkonstruktion über­spannte sie in drei großen Bö­gen auf zwei Zwischenpfeilern den Fluss und setzte sich am anderen Ufer mit vier ge­mauer­ten Backsteinbrückenbögen fort. Daran schloss sich ein weite­res Stück Bahndamm an, über das hinweg die beiden neuen Gleise unmittelbar vor dem Bahnhof Igel in die Bahn­strecke nach Luxemburg einmündeten.

Die sogenannte Hindenburgbruecke über die Mosel unterhalb von ReinigDie neue Moselbrü­cke, die sich mit ihrer Stahlkonstruktion per­fekt in die Landschaft einfügte, erhielt offiziell keinen Na­men, wurde aber im Volksmund „Hin­denburgbrücke" genannt. Ob der damalige General und spätere Reichspräsident Paul von Hin­denburg irgend etwas mit ihr zu tun hatte, ist nicht bekannt. Denkbar ist, dass er die Schirm­herrschaft übernehmen sollte.

Die Straße von Reinig nach Konz, die schon einmal beim Bau der Obermoselbahn verän­dert wor­den war, hatte dem Bahn­damm der neuen Eisenbahnstre­cke Platz machen müssen. Der hö­hengleiche Bahn­über­gang musste etwa 300 m weiter in Rich­tung Reinig vorgezogen wer­den. Au­ßerdem ließ die Bahn hier ein Bahnwärterhaus für den Schranken­wär­ter errichten. Später ersetzte man den Bahnübergang durch die so genannte "Polenbrücke".

In den Jahren 1913 und 1914 baute man die gesamte Bahn­strecke von Ehrang über Trier Hauptbahnhof bis Kar­thaus für insgesamt vier Gleise aus. Sie bildete nach ihrer Fertigstel­lung einen Teil der „Güterzugstrecke Ehrang - Trier - Karthaus - Konzer Saarbrücke - Mo­selbrü­cke - Igel", wie sie offiziell hieß.

Leider ist von der mit viel Auf­wand erbauten Bahn­linie mit ihrer imposanten Moselbrücke wenig üb­rig geblieben. Die so ge­nannte Hindenburgbrü­cke ist am 22. Februar 1945 kurz vor Ende des Zwei­ten Welt­krieges von Pio­nieren der Deutschen Wehr­macht ge­sprengt wor­den. Am 5. Dezem­ber 1953 soll ent­schieden wor­den sein, sie nicht wieder aufzubauen. Heute noch kann man die in­takten mit Back­steinen gemau­erten Brückenbö­gen mit dem nördlichen Wider­lager der Stahlbrücke auf der Igeler Moselseite mit dem daran anschließen­den Bahndamm sehen. Diesen führt die Umweltschutzbehörde laut dem vom Ministe­rium für Umwelt Rheinland-Pfalz 1993 herausgegebenen Werk "Planung ver­netzter Biotop­systeme - Bereich Landkreis Trier-Saar­burg/Stadt Trier" als „Strauchbe­standsbiotop". Ein gemauerter Pfeiler war in der Flussmitte stehen geblieben. Er wurde erst 1960 während des Ausbaus der Mosel zur Großschifffahrtsstraße abgerissen. Am anderen Moselufer, im Bereich zwi­schen den bei­den Obermoselglei­sen, nutzte die Bahn den Bahn­damm und das frei gebliebene Ge­lände in den 1950/60er Jahren zum Ablagern von Schuttmas­sen. Die be­ladenen Güter­wa­gen schob man von der Saarbrü­cke her auf ein Ladegleis, wo sie von Ar­beitern einer Baufirma in Hand­arbeit entleert wur­den. So wie der Schuttberg über den ur­sprünglichen Bahndamm hin­aus immer wei­ter anwuchs, hob man das Ladegleis mit an. Die längst von hohen Bäu­men bewachsene Schuttkippe mit dem ehe­maligen Bahndamm sieht heute wie eine natürli­che Erhebung aus.

Der Eisenbahnknoten Konz nach 1912Am 1. Februar 1913 nahm die Bahn unmittelbar neben der Reinigerbrücke die „Blockstelle Reinig", im Volksmund „Reiniger Block" genannt, in Betrieb - ein Indiz dafür, dass der Zug­verkehr auf der Obermoselstrecke vor dem Ersten Weltkrieg deutlich zugenommen hatte. Das zweistöckige Stellwerks­gebäude aus Ziegelsteinen stand bis 1951. Es hatte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Funktion verloren und wurde abgerissen. Ein Bauwilliger aus Reinig kaufte das Mauerwerk und verwendete die Ziegelsteine zum Bau seines Wohnhauses, nachdem er sie mühsam Stück für Stück vom Mörtel befreit hatte.

Auch noch nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Neubau von Eisenbahn­stre­cken in un­serer Region fortgeführt. Am 1. September 1915 wurde ein Teilstück der heute schon fast verges­senen Sauertal - Eisen­bahn Igel - Bitburg zwi­schen Igel und Winters­dorf eröffnet, wenig spä­ter, am 15. Oktober des­selben Jahres, der Teil­abschnitt von Wintersdorf bis Irrel. Das Teilstück von Irrel bis Bitburg war schon nach 1910 gebaut worden und bereits in Betrieb. Kaum jemand in Wasserliesch weiß heute noch, dass die Sauertalbahn an der Löwener Mühle von der Bahn­strecke nach Luxemburg abzweigte, um von dort aus durch einen Tunnel in Mesenich das Sauertal zu erreichen. Der Tunnel ist immer noch vorhanden, aber nicht zugänglich. Durch einen zweiten Tunnel bei Ralingen verläuft mittlerweile ein Rad- und Fußweg, der im weite­ren Verlauf der ehema­ligen Eisenbahntrasse folgt. 

 

 

Der Erste Weltkrieg - eine Bewährungsprobe für die Eisenbahn

 

Die Bahn konnte ihre Vorteile bei der Durchführung der Truppentransporte vor und während des Ersten Weltkrieges, besonders hier im Westen des Deutschen Kaiserreiches, unter Be­weis stellen. Zu Beginn des Krieges, im Jahre 1914, beförderte sie die größte Angriffsarmee der Geschichte an die Westgrenze und in die angrenzenden Länder. Nur so war es möglich, Luxemburg, Belgien und weite Teile Nordfrankreichs im Handstreich einzunehmen. Einiges davon konnten die Einwohner von Wasserliesch und Reinig sozusagen hautnah miterleben, denn über die Eisenbahnstrecken beiderseits der Mosel wurde ein großer Teil dieser Trans­porte abgewickelt. In den Aufzeichnungen des ehemaligen Lehrers Joseph Gilles sind Einzel­heiten dazu überliefert; Gilles war von 1892 bis 1924 Lehrer hier.

Noch vor der offiziellen Kriegserklärung ließen die Behörden wichtige Anlagen der Eisen­bahn vorsorglich von Bahnbeamten bewachen, um Anschläge durch „Spione", wie man die Terroristen damals nannte, zu verhüten. Wenig später übernahm das Militär selbst die Be­wachung; Angehörige des so genannten Landsturms wurden mit dieser Aufgabe betraut und bewachten im August 1914 den Haltepunkt Wasserliesch und den Bahnhof Oberbillig. Die Wachposten in Oberbillig seien am Abend des 2. August von Wasserbillig aus über die Mo­sel hinweg beschossen worden; man habe die Täter aber ermittelt und bestraft.

Bevor am 3. August 1914 Deutschland Frankreich den Krieg erklärte, fuhr in der Nacht der erste Zug, beladen mit gepanzerten Fahrzeugen, an Igel vorbei nach Luxemburg. Unmittel­bar danach besetzte deutsches Militär in Luxemburg alle wichtigen Eisenbahnstrecken. Das Luxemburger Bahnpersonal wurde bewacht und musste unter Aufsicht seinen Dienst ver­richten. Von da an konnte man in Wasserliesch tagelang Truppentransportzüge beiderseits der Mosel in Richtung Westen vorbeifahren sehen. Beobachter wollen hier „innerhalb kurzer Zeit" 28 Züge gezählt haben.

In Reinig ist es bei der Vorbeifahrt eines dieser Züge zu einem schweren Zwischenfall gekommen. Ein deutscher Soldat, der aufrecht auf einem Wagen - vermutlich auf einem darauf verladenen Militärfahrzeug - stand, stieß an der Reiniger Brücke an, stürzte ins Gleis und blieb schwer verletzt liegen. Der Zug hielt an und es versammelten sich viele Schaulustige. Die Soldaten im Zug vermuteten, einer der Umstehenden habe auf den Zug geschossen. Daraufhin wollte der verantwortliche Transportoffizier in die Menge schießen lassen. Es sei schwierig gewesen, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Wie sich herausstellte, hatte er geglaubt, bereits im feindlichen Ausland zu sein und es habe sich um einen Anschlag gehandelt. Erst als er sich davon überzeugt hatte, dass es ein Unfall war und der Zug sich noch in Deutschland befand, habe er von seinem Vorhaben abgelassen. Der verletzte Soldat starb während des Transportes in ein Trierer Krankenhaus.

Schon bald danach beobachtete man auch Transporte in umgekehrter Richtung, die belegten, dass der Krieg für Deutschland anfangs siegreich verlief. So fuhr in Wasserliesch am 14. August ein Zug mit zehn Lokomotiven und einer großen Zahl belgischer Personen- und Güterwagen, von Frankreich herkommend, in Richtung Trier. Offensichtlich brachte man erbeutete Fahrzeuge nach Deutschland. Zunehmend wurden auch Züge mit Verwundeten- und Kriegsgefangenen beobachtet.

Einige Wasserliescher Eisenbahnarbeiter sind nach Belgien und Nordfrankreich abkommandiert worden, weil sie dort bei der Reparatur zerstörter Gleisanlagen helfen mussten. Dass auch Eisenbahner mit militärischen Orden ausgezeichnet werden konnten, bewies ein Lokomotivheizer aus Wasserliesch. Er hatte das Eiserne Kreuz erhalten, weil er seit Kriegsbeginn einen gepanzerten Zug begleitet hatte - vermutlich hatte er sich freiwillig zu diesem gefährlichen Einsatz gemeldet.

Ein weiteres Ereignis ist in Wasserliesch und Reinig mit besonderem Interesse registriert worden: Am Morgen des 21. Dezember 1914 um 7.30 Uhr fuhr Kaiser Wilhelm II. mit dem Zug in Richtung Frankreich hier vorbei. Er wollte sich in Metz über die Kriegslage informieren lassen. Während der anfangs siegreichen Phase des Krieges war eine allgemeine Siegeseuphorie aufgekommen. Das in der Bevölkerung ohnehin fest verankerte hohe Ansehen der Monarchie dürfte dadurch nochmals Auftrieb bekommen haben, sicher ein Grund für die Bevölkerung, diesem Ereignis besondere Beachtung zu schenken. Keiner ahnte damals, dass das Deutsche Kaiserreich nur rund 4 Jahre später, am 9. November 1918, nach dem verlorenen Krieg, mit der Abdankung Wilhelms II. sein Ende fand und der Weimarer Republik Platz machen musste.

Militärtransporte und -züge sind während des vier Jahre andauernden Krieges immer wieder beiderseits der Mosel an Wasserliesch vorbeigefahren. Sie gehörten schon bald zum Alltag, so dass man ihnen keine besondere Beachtung mehr schenkte. Erst gegen Ende des Krieges, als sich die Niederlage des deutschen Heeres abzeichnete, änderte sich das wieder. Zuletzt beobachtete man auch ungeordnete Rückzugsbewegungen.

Im September 1918 rollten die ersten Truppen-Rücktransporte aus Frankreich hier vorbei. Man habe auch Waggons mit „merkwürdigen Ladungen" gesehen, beobachtete Lehrer Gilles. Damit war wohl kaum die militärische Ausrüstung gemeint. Eher gehörten lebende Tiere und andere Dinge dazu, die von den Soldaten beim Rückzug als Beutegut mitgenommen worden sind. Einiges davon boten sie in Konz zum Kauf oder Tausch an; man habe dort unter anderem Möbel, ein Klavier, Decken, Mäntel, Schweine, Schafe, Kühe und Kaninchen erwerben können. An Kaufinteressenten dürfte es angesichts der während des Krieges entstandenen großen Not nicht gefehlt haben.

In der letzten Kriegsphase waren die aus Frankreich kommenden planmäßigen Züge völlig überfüllt. Die Soldaten saßen oder standen auf Trittbrettern, Plattformen und Wagendächern. Um einen geordneten Rückzug kann es sich unter diesen Umständen kaum noch gehandelt haben.

Am 11. November 1918 trat um 11 Uhr ein Waffenstillstand in Kraft, der Krieg war vorbei. Unmittelbar danach begann nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Bahn, eine schwere Zeit. Sie musste den alliierten Siegermächten Tausende Lokomotiven und Eisenbahnwaggons überlassen, die gleich ins Ausland gebracht wurden. Es gehörte damals zu den Hauptaufgaben des Eisenbahn - Ausbesserungswerkes Trier, die durch Kriegseinwirkung beschädigten Lokomotiven aufzuarbeiten und praktisch als „fabrikneu" an Frankreich auszuliefern. Auch große Mengen Kohle musste Deutschland über mehrere Jahre hinweg an Frankreich abgeben. So berichtet die Saarbrücker Zeitung in ihrer Ausgabe vom 22. März 1925, dass über den Grenzübergang Perl mehr als 3,3 Millionen Tonnen Kohle und rund 125.000 Tonnen Koks nach Frankreich befördert worden seien; dafür waren etwa 2.200 Güterzüge notwendig, die auch durch Wasserliesch gefahren sind. Alles das schränkte den übrigen Schienenverkehr in ganz Deutschland vorübergehend stark ein. Der Personenverkehr musste sogar zeitweise völlig eingestellt werden. Große Schwierigkeiten für die Bevölkerung gab es beim Transport von Lebensmitteln und Kohle, was die überall herrschende Hungersnot noch vergrößerte.

Am 18. Januar 1919 begann in Paris eine Friedenskonferenz. Sie dauerte rund ein halbes Jahr und endete am 28. Juni mit dem Vertrag von Versailles, den auch die deutsche Delegation unterzeichnete. Darin war festgelegt, dass Deutschland unter anderem Elsass - Lothringen an Frankreich abzutreten hatte. Luxemburg erhielt seine Selbstständigkeit zurück, war aber schon zum 1. Januar desselben Jahres aus dem Deutschen Zollverein ausgetreten, dem es bis dahin angehört hatte. Ein Jahr später trennte man das Saarland unter der Bezeichnung „Saargebiet" als neues Staatsgebilde als dem Völkerbund angehörig von Deutschland ab. Deshalb musste die Eisenbahndirektion Saarbrücken ihre Zuständigkeit für die Eisenbahnen im Trierer Raum an die nach dem Krieg zunächst aufgelöste und dann wieder neu ins Leben gerufene Eisenbahndirektion Trier abtreten.

Die Veränderungen der politischen Landschaft hatten auch für unseren Raum weit reichende Konsequenzen. Da sich die Grenzen des Deutschen Reiches verändert hatten, mussten die Bahnhöfe Igel und Perl zu Grenzbahnhöfen ausgebaut werden. In Igel entstand eine Großbaustelle, denn es waren umfangreiche Erdbewegungen notwendig. Hatte der Platz zwischen dem Dorf und der Mosel bis dahin für die beiden Streckengleise der Wilhelm-Luxemburg-Eisenbahn ausgereicht, benötigte man nun eine ebene Fläche für acht nebeneinander liegende etwa 500 bis 600 m lange Gleise mit zwei zwischen ihnen liegenden Bahnsteigen. Das Gelände musste entsprechend aufgeschüttet und zur Mosel hin mit einer hohen Böschung und einer Stützmauer abgegrenzt werden. Um die für dieses Bauvorhaben erforderlichen Erdmassen zu bewegen, baute man eigens eine mit einer kleinen Dampflokomotive betriebene Feldbahn. Der Weg von der Reiniger Fähre zum Ort und zum Bahnhof Igel führte von da an durch einen Tunnel unter den Bahnhofsgleisen hindurch.

Am 1. April 1920 wurden die deutschen Ländereisenbahnen gemäß der Weima­rer Reichsverfassung unter dem Namen „Deutsche Reichsbahn" in Staatsbesitz übergeführt. Die Reichsbahn konnte in der Folgezeit ihre Bedeutung als wich­tigster Verkehrsträger nicht nur zurück­gewinnen, sondern weiter ausbauen. Da sie nach wie vor ein Monopol besaß, gelang es ihr, die schweren Verluste nach dem verlorenen Krieg wieder auszugleichen. Mehr noch, ihre Einnah­men halfen der Deutschen Republik, ihre im Versailler Vertrag festgeschriebenen Kriegsschulden, die so genannten Reparationen, an die ehema­ligen Kriegsgegner zahlen zu können. Doch führten Schwierigkeiten bei der Abwicklung derselben im Jahre 1923 zu einem schweren politisch-militärischen Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland; es kam zum so genannten „Passiven Widerstand".

Um die Transporte von Kohlen und Holz nach Frankreich zu gewährleisten, ließen die französische und die belgische Regierung Truppen in das Ruhrgebiet und in die Gebiete westlich des Rheins einmarschieren. Als Gegenreaktion zu dieser als Unrecht empfundenen Maßnahme rief Reichskanzler Wilhelm Cuno daraufhin am 13. Januar 1923 im Reichstag zu einem Generalstreik, dem so genannten „Passiven Widerstand", auf und verweigerte den Besatzern jegliche Zusammenarbeit. Diese wiederum drohten daraufhin allen Saboteuren und Widerstandsleistenden im Eisenbahntransportwesen mit der Todesstrafe. Dennoch verweigerten viele Eisenbahner ihren Dienst und sabotierten die Transporte mit Reparationsgütern. Alle, die Widerstand leisteten, darunter auch 10 Personen aus Wasserliesch, wurden verhaftet, als politische Gefangene eingesperrt, abgeurteilt und nach Absitzen ihrer Strafe in die nicht besetzten Gebiete jenseits des Rheins „ausgewiesen". Unter der Regie des Deutschen Roten Kreuzes wurden die Betroffenen aus Wasserliesch nach Eschwege gebracht. Ihre Wohnungen und Möbel hatten die Franzosen beschlagnahmt und französische Familien hineingesetzt. 

Der vom Staat selbst ausgerufene Generalstreik legte die Industrie, die Verwaltung und den Verkehr in Deutschland teilweise lahm. Daraufhin übernahm das französische und belgische Militär den Eisenbahnbetrieb in den besetzten Gebieten in eigene Regie. Das wiederum führte zu einem Chaos, denn die eingesetzten ausländischen Eisenbahner und Hilfskräfte kamen mit den deutschen Betriebsvorschriften und -anlagen der Bahn nicht zurecht. Dieser Zustand dauerte rund 9 Monate. Während dieser Zeit musste der Staat zusätzliches Geld drucken und in Umlauf bringen, um die Löhne von etwa zwei Millionen Arbeitern zahlen zu können. Dies führte schließlich zusammen mit der sich immer weiter verstärkenden Wirtschaftskrise zu einer „galoppierenden Inflation" mit Produktions- und Steuerausfällen, die der Staat auf Dauer nicht durchhalten konnte. So war Reichskanzler Stresemann gezwungen, zum 26. September 1923 den Abbruch des Passiven Widerstands und die Wiederaufnahme der Reparationslieferungen anzuordnen. Danach konnten die ausgewiesenen Eisenbahner zurückkehren und ihren Dienst wieder aufnehmen. 

Das zunehmende Transportaufkommen machte den weiteren Ausbau der Bahnanlagen in unserem Raum notwendig. Der Verschie­bebahnhof Karthaus war zu klein geworden. Da ein weiterer Ausbau wegen Platzmangels nicht möglich war, begann man im Jahre 1924 mit dem Bau des Rangierbahn­hofs Ehrang. Er ersetzte den Verschiebebahnhof Karthaus, so dass dieser ein Jahr später stillgelegt werden konnte. Dadurch gingen mehrere Hundert Arbeitsplätze verloren oder wurden verlagert, dies zu einer Zeit ständig ansteigender Arbeitslosigkeit in Deutsch­land. Die große Fläche zwischen den Streckengleisen der Saar- und der Moselbahn mit den so genannten Richtungsgleisen des Rangierbahnhofs Karthaus blieb erst einmal weitgehend ungenutzt liegen.

 

 

Die „Deutsche Reichsbahn" gestaltete den Zweiten Weltkrieg mit

 

Die nach dem Ersten Weltkrieg mehr und mehr erstarkende nationalsozia­listische Bewe­gung, deren Anhänger sich in der 1920 gegründeten „Natio­nalsozialistischen Deutschen Ar­bei­terpartei (NSDAP)" organisierten, be­stimmte zunehmend die Politik in Deutschland. Sie führte unter ande­rem den so ge­nannten Reichsarbeitsdienst (RAD) ein, der die große Ar­beitslosigkeit infolge der damaligen Weltwirt­schaftskrise abbauen helfen sollte, aber als Or­ganisation des eigenen Machtapparates auch für eine vormi­litärische Ausbildung sorgte. Ab 1935 musste jeder junge Mann vor dem Ableisten seines Wehrdienstes eine sechsmonatige Tätigkeit im Ar­beits­dienst absolvieren; später wur­den auch junge Frauen verpflichtet.

Die sogenannte Polenbrücke zwischen Reinig und KonzVielfach wird der Reichsarbeits­dienst mit dem Bau von Autobahnen und Straßen in Verbin­dung ge­bracht, doch setzte man die jungen Leute auch bei Waldarbeiten, im Deichbau, bei der Entwässerung von Feuchtge­bieten und für Tä­tig­keiten in der Landwirtschaft ein. In Was­serliesch und Reinig war der Reichsarbeits­dienst in den 1930er Jahren im Stra­ßenbau ein­gesetzt. Die Arbeitskräfte erbauten auch die Stra­ßenüberfüh­rung, die so ge­nannte „Polen­brücke", die über die Gleise der Obermo­selbahn zwischen Reinig und Konz führt. Sie er­setzte den höhengleichen Bahnüber­gang, der nach dem Bau der neuen Eisen­bahnstrecke von Karthaus nach Igel hierher verlegt worden war. Das an der Polenbrü­cke stehende Bahnwärterhaus brauchte die Bahn danach nicht mehr. Zunächst wurde eine Familie aus Polen darin untergebracht, weshalb sie im Volksmund den Namen „Po­lenbrücke" erhielt. Fließendes Wasser gab es in dem Haus bis zuletzt nicht, dennoch wohnte noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wasser­lie­scher Fami­lie dort. Die Bahn ließ das Haus An­fang der 1950er Jahre abreißen.

Etwa zur gleichen Zeit sind am Halte­punkt Wasserliesch der Bahnsteig neben dem Gleis nach Trier und die beiden Treppenaufgänge von der Straßenunterführung aus gebaut wor­den. Ob auch daran der Reichsar­beitsdienst beteiligt war, ist nicht be­kannt, erscheint aber möglich.

Wegen der zunehmenden internatio­nalen Spannungen rechnete man vor Beginn des Zwei­ten Weltkrieges mit einem Angriff der Franzosen von Westen her. Um die grenznahe Bevöl­kerung zu schützen, evakuierten die Behörden im September 1939 nach Ausbruch des Krie­ges die Einwohner von Wasserliesch und brachten sie in unterschiedliche Gegenden ganz Deutschlands. Da der Frankreichfeldzug erst einmal siegreich verlaufen war, konnten die Leute schon ab Juli 1940 wieder zurückkehren.

Während der 10monatigen Abwesenheit der Bewohner hatte die „Organisation Todt" - eine militärisch organisierte Bautruppe, die dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition unterstand - in Wasserliesch hinter der Reiniger Brücke ein Anschlussgleis verlegt, das mit einer Weiche von einem der Streckengleise der Obermoselbahn abzweigte. Das Anschlussgleis verlief paral­lel zur Obermoselbahn zwischen ihr und den moselseitigen Wohnhäusern der Straße „In der Zehnt" und weiter bis zur „Polenbrücke". Von dem Anschlussgleis zweigten mehrere Lade- und Rangiergleise ab. Die Anlage bildete zusammen mit einem System von Schmalspurgleisen und Weichen, La­gerschuppen und Mannschaftsbaracken einen kompletten Schmalspur-Bahnhof. Von dort aus führte ein Schmalspur-Streckengleis an der Granahöhe vorbei über den „Sandweg" hinauf nach Tawern, wo es ebenfalls einen kleinen Schmalspur-Bahnhof gab. Ab Tawern verlief die Bahn das Mannebachtal hinauf bis nach Mannebach, wo ein weiterer Bahnhof entstanden war. Von Mannebach aus sollte die Anlage noch weiter bis auf die Höhen des Saargaus fortgeführt werden, in einem ersten Schritt bis zum Rehlingerhof. Der Bau einer Brücke unweit des Alterhofs über eine kleine Senke hinweg verzögerte den Weiterbau, sodass die Bahn hier erst einmal endete; die Pfeiler des unvollendeten Brückenbaus sind noch heute zu sehen.

Unterhalb der Granahöhe waren zwei Offiziersbaracken mit Vorgärten und kiesbedeckten Wegen, abgegrenzt mit Zäunen aus Birkenstämmen, errichtet worden. Der Trinkwas­serversorgung diente ein neben der Polenbrücke angelegter Brunnen, dessen Wasser man in einen Hochbehälter im Wald in der Nähe des Granadenkmals pumpte, der das Wasserleitungssystem speiste. Die innerhalb kür­zester Zeit erbaute umfangreiche Anlage war als Umschlagplatz für Nachschubgüter vorge­sehen. Sie sollten mit der Schmalspurbahn auf den Saargau befördert werden, um einen eventuel­l dort ent­stehenden Frontabschnitt mit Nachschub versorgen zu können. Mehrere Schmalspur-Dampflokomoti­ven und eine Vielzahl von Güterwagen bildeten den Fahrzeugbestand.

Die Anlage hatte, kaum fertig gestellt, schon wieder ausgedient, denn die erwartete Front war gar nicht erst entstanden. So wurde alles bereits im Jahr der Fertigstellung von der Or­ganisation Todt wieder abgebaut. Offensichtlich sind über diese Anlage tatsächlich umfang­reiche Militärguttransporte durchgeführt worden, denn man benötigte mehrere Monate, um das Militärgut und die Anlage selbst auf normale Eisenbahnwaggons zu verladen und wieder abzutransportieren.

Nachdem alles weggeschafft worden war, richtete die Organisation Todt den ursprünglichen Zustand des Geländes wieder her - das landwirtschaftlich genutzte Gebiet konnte wieder bebaut werden. Den vor dem Bau der Anlage parallel zur Bahntrasse zwischen der Reiniger- und der Polenbrücke verlaufenden Feldweg richtete man jedoch nicht wieder her. Dessen Zufahrtsrampe blieb ungenutzt liegen; sie führt immer noch von der Polenbrücke aus hinun­ter und endet heute neben der Bahnstrecke im Nichts.

Zu Beginn und während des Zweiten Weltkrieges beförderte die Eisenbahn durch Trier, Konz und Was­serliesch, ebenso wie schon während des Ersten Welt­krieges, umfangreiche Truppen- und Mate­rial­transporte in Rich­tung Westen und auch wieder zurück. Zuletzt fuhren Flücht­lingszüge aus Frank­reich und Lothringen hier vorbei. Der Raum Trier und Konz spielte dabei als Ei­senbahnknotenpunkt wie­der einmal eine besondere Rolle. Weil die Bahn zu­sätz­liche Trans­portkapazi­täten benö­tigte, reakti­vierte sie im Jahre 1940 den still­gelegten Rangier­bahnhof Kar­thaus.

Bombenangriff auf die Konzer Eisenbahn-Moselbruecke 1944Den alliierten Kriegsgeg­nern war die Bedeutung des Eisenbahn­knotens na­türlich bekannt. Sie nutzten diese Kenntnis vor allem in den letzten Kriegsmonaten für ihre Kriegsführung aus und das war nicht nur für die Eisen­bahn, sondern auch für die Zivilbevölke­rung unseres Raumes fatal. Als die britischen und amerika­ni­schen Streitkräfte ab dem 6. Juni 1944 in der Nor­man­die gelandet waren und von dort aus nach Osten vor­rückten, ge­rieten die Eisen­bahn­anlagen in Konz und Trier ins Fadenkreuz der alli­ierten Bom­berver­bände. Schon vor­her, am 11. Mai 1944, hatte die British Air Force mit 55 Bombern Konz an­gegriffen, mehr als 950 Bomben sollen in­nerhalb weniger Minuten unter anderem auf den Rangier­bahnhof Kar­thaus und das Eisen­bahn-Ausbesse­rungswerk Konz gefallen sein; 41 Menschen seien bei diesem An­griff ums Leben gekom­men.

Die meisten Menschen ka­men bei einem Luftangriff am 2. Septem­ber 1944 (andere Quellen nennen den 1. September) ums Leben. Als der An­griff be­gann, hielten sechs Züge mit lothringischen Flüchtlin­gen im Bahn­hof Kar­thaus, zwischen ih­nen stand ab­fahrbereit ein Muniti­onszug. Es gelang nicht mehr, den Munitions­zug aus dem Bahn­hof auf die freie Stre­cke zu brin­gen, so dass dieser während des Luftan­griffs getroffen wurde und es zu einer Serie schwerer Explo­sionen kam. Entspre­chend ka­ta­st­rophal waren die Folgen. Niemand weiß genau, wie viele Menschen bei diesem Ereignis ums Le­ben gekommen sind, nach Schätzungen der Reichs­bahn sind 150 Men­schen ums Leben gekommen, mehr als 200 seien verletzt worden.

Im Verlauf der so genannten Ardennenoffensive hatte sich die Westfront im Septem­ber 1944 in Lothringen und entlang der Reichsgrenze westlich der Eifel noch einmal stabilisiert; danach begannen wieder massive Bombenangriffe auf Trier, Ehrang und Konz. Der erste Angriff dieser Serie fand am 20. September statt, viele weitere folgten. Die Zivilbevölkerung, auch die von Wasserliesch, hatte man kurz zuvor zum zweiten Mal innerhalb von 5 Jahren evakuiert, teilweise nur ins Umland, gerade weit genug vom erwarteten Zielgebiet der Bomberverbände entfernt. Die Bombenangriffe konzentrierten sich nun auf die Ausschaltung des Eisenbahnsystems in Konz und Trier, und das gelang in vollem Umfang. Hinterher lagen die Trümmer der Eisenbahnbrücken über die Mosel und die Saar in Konz und bei Pfalzel in den Flüssen; auch der Rangierbahnhof Ehrang war weitgehend zerstört. Im Zusammenwirken mit den ebenfalls zerstörten Eisenbahnbrücken in Bullay und Koblenz-Güls war der Bahnbetrieb auf der gesamten Moselstrecke von Koblenz bis zur Landesgrenze lahm gelegt. Die Eisenbahnbrücke über die Mosel unweit von Reinig ist ebenfalls wiederholt Angriffziel gewesen, wurde aber nicht getroffen.

Ein schwerer Angriff am 1. November 1944, an Allerheiligen, galt noch einmal dem Bahnhof Karthaus; er soll der schwerste und folgenreichste in Konz überhaupt gewesen sein. Ein zeitgenössischer Bericht schildert die Situation danach so: „Wie Knochengerüste, wie Skelette, so hingen und lagen die Eisenbalken, Träger und Dachkonstruktionen über dem Schutt und der Asche". Über 100 Menschen sind bei diesem Angriff ums Leben gekommen - und es folgten eine Vielzahl weiterer Angriffe. Etwa 15 Bombenangriffe soll Konz insgesamt erlebt haben, die außer den Eisenbahnanlagen und den Brücken über Mosel und Saar auch der Maschinenfabrik Zettelmeyer gegolten haben.

 

 

Nachkriegszeit - eine „schlechte Zeit" für Wasserliesch und die Eisenbahn

 

Mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch die deutschen Militärbefehlshaber in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Das löste jedoch keineswegs die Probleme, die der Krieg heraufbeschworen hatte, im Gegenteil, sie begannen sich erst jetzt richtig auszuwirken, auch und gerade für die Eisenbahn. Es fuhren erst einmal keine Züge mehr, die Organisationsstruktur der Eisenbahn war vollständig zerschlagen. Die deutschen Eisenbahnstrecken wurden den vier Besatzungszonen zugeordnet. In einigen Regionen sprach man weiter von der „Reichsbahn", andernorts nannte man sie wieder „Eisenbahn", denn das Deutsche Reich mit seiner Staatseisenbahn gab es als Ganzes nicht mehr. Dennoch blieb die „Deutsche Reichsbahn" im Gebiet der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, unter diesem Namen erhalten. Fürs Erste übten die Landräte nun die Eisenbahnhoheit aus. Die Eisenbahnen im Raum Trier wurden der neu geschaffenen „Betriebsvereinigung der Südwestdeutschen Eisenbahnen" mit Sitz in Speyer zugeordnet, zu der auch die für Trier zuständige Eisenbahndirektion Saarbrücken gehörte.

Als die Bewohner von Wasserliesch kurz nach der Kapitulation in ihr Dorf zurückkehrten, herrschte großer Mangel an allem, was man zum täglichen Leben brauchte. Von der Ernte des Vorjahres war nichts mehr da. Felder und Gärten hatten die Leute während ihrer Abwesenheit im Frühjahr nicht bebauen können, sodass es auch dort nichts zu holen gab. Kaufen konnte man kaum etwas, denn die Geschäfte waren leer. Die meisten Waren des täglichen Bedarfs waren rationiert und wurden von den Geschäften nur gegen die zugeteilten Lebensmittelmarken verkauft; wertvollere Artikel, wie etwa Schuhe, konnte man nur mit so genannten Bezugsscheinen erwerben. Wenn hier und da etwas darüber hinaus angeboten wurde, gab es das nur im Tausch gegen andere Waren oder Wertgegenstände. Die Deutsche Reichsmark, das offizielle Zahlungsmittel, war nichts mehr wert. Wer keine „Beziehungen" hatte und nicht wusste, wo es etwas gab, war besonders schlecht dran. So entwickelte sich rasch ein blühender Schwarzmarkt. Meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad ginoder fuhren gen die Leute zum „Hamstern" in der Hoffnung, irgendwo etwas organisieren zu können. Mit der Eisenbahn war das zunächst nicht möglich. Als die ersten Züge wieder fuhren, konnte man immerhin die Fahrkarte mit dem fast wertlos gewordenen Geld bezahlen.

Aber es fuhren ja erst einmal keine Züge mehr, denn der desolate Zustand der Bahnanlagen und Fahrzeuge ließ das nicht zu. Nicht nur die Eisenbahnbrücken in Konz und Trier waren zerstört, sondern auch die Konzer Straßenbrücke über die Saar. Selbst die meisten der unter militärstrategischen Gesichtspunkten unbedeutenden Brücken waren von deutschen Pionieren während des Rückzuges aus Frankreich gesprengt worden. Die Überreste der „Reiniger Brücke lagen ebenso wie die der „Polenbrücke" auf den Gleisen, auch die Straßenunterführung am Haltepunkt Wasserliesch war gesprengt worden. Lediglich die „Kordelbrücke" stand noch, vielleicht hatten die Pioniere sie in der Eile des Rückzuges übersehen. Alles das hatte nicht nur den Zugverkehr lahm gelegt, sondern behinderte das öffentliche Leben insgesamt.

Um die Bahn wieder flott zu machen, hatte das Instandsetzen der Bahnbrücken Vorrang vor allen anderen Reparaturarbeiten. So konnte schon zwei Monate nach Kriegsende ab dem 10. Juli 1945 der Zugverkehr im Trierer Raum teilweise wieder aufgenommen werden. Es war ausgerechnet das Teilstück von Konz über Trier Hauptbahnhof bis Waldrach, auf dem die ersten Züge wieder fahren konnten. Möglich war das, weil es dort keine Brücken gab, die man hätte zerstören können. Welche Bedeutung die Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs für die Bevölkerung hatte, geht aus den „Amtlichen Nachrichten" der Stadtverwaltung Trier hervor, die das Ereignis wie folgt würdigten:

„Der verflossene Dienstag (10. Juli 1945) wird als ein Tag der Wende in der Geschichte der Eisenbahnen des Bezirks Trier verzeichnet werden müssen. Inmitten der Trümmer, die ein ruchloses Regime hinterließ, bewegte sich an diesem Tage zum ersten Male wieder ein Eisenbahnzug und zwar auf einem Teilstück der wiedereröffneten Strecke Konz-Waldrach. (...) Wie sehr die Bevölkerung die Wiederkehr der Eisenbahn herbeisehnte, bezeugten am eindringlichsten die freudestrahlenden Gesichter der Menge am Wegrand und die begeisterten Winke, die das grüngeschmückte Züglein auf seiner Fahrt begleiteten."

Die Wasserliescher und Reiniger hatten dank der Reiniger Fähre wenig später die Möglichkeit, mit dem Zug vom Bahnhof Igel aus nach Trier West zu fahren. Sie konnten wenigstens auf diesem Weg die weitgehend zerstörte Stadt Trier erreichen, zu der hin sich nach wie vor alles orientierte. Vor allem waren es die Berufstätigen, meist diejenigen, die bei der Bahn selbst arbeiteten, etwa im Eisenbahn-Ausbesserungswerk in Trier West und die Schüler der höheren Schulen, die diese Möglichkeit nutzten.

Trotz aller Widrigkeiten begann sich das öffentliche Leben allmählich wieder zu normalisieren. Die zweigleisige Konzer Eisenbahn-Moselbrücke und die vordem viergleisige Brücke über die Saar wurden mithilfe von Stahlträgern unter Verwendung der noch im Fluss stehen gebliebenen Stützpfeilerreste als eingleisige Notbrücken wieder hergerichtet. Die Züge durften sie allerdings nur mit Schrittgeschwindigkeit befahren. Die Obermoselbahn war bereits ab dem 3. September 1945 von Karthaus bis Apach vollständig wieder befahrbar. Parallel mit der Eisenbahnbrücke war die Konzer Straßenbrücke über die Saar als hölzerne Notbrücke wieder aufgebaut worden. Kurz danach begann wenige Meter neben ihr der Bau der heute noch vorhanden älteren Straßenbrücke. Die Trümmer der Eisenbahnbrücke unterhalb von Reinig lagen nach wie vor in der Mosel und blieben auch dort, bis man sie irgendwann aus dem Fluss holte.

Die Saareisenbahn zwischen Trier und Saarbrücken wurde am 26. August 1946 wieder eröffnet. Wer von Trier nach Koblenz fahren wollte, hatte zu diesem Zeitpunkt immer noch große Schwierigkeiten. Das lag vor allem an den zerstörten Eisenbahnbrücken bei Pfalzel und Bullay. Immerhin bestand ab Dezember 1946 die Möglichkeit, mit der Moseltalbahn von Trier nach Bullay zu fahren, wofür man allein schon rund 4 ½ Stunden brauchte. Von Bullay aus ging es dann mit der „normalen" Eisenbahn weiter. Erst nach dem 2. August 1947 war die Moselstrecke von Trier bis Koblenz wieder durchgehend befahrbar.

Ausgerechnet während dieser schwierigen Umstände gab es im Winter 1945/46 ein Jahrhunderthochwasser, nachdem die vorher vollständig zugefrorene Mosel wieder aufgetaut war. Die abgehenden Eisschollen und die in der Mosel liegenden Überreste der Eisenbahnbrücke unterhalb von Reinig stauten den Fluss zusätzlich auf, so dass der Wasserstand in Wasserliesch und Reinig eine bis dahin nie gekannte Höhe erreichte; in der Reinigerstraße stand das Wasser bis zum „zweiten Ecken" und bedeckte damit etwa 2/3 der gesamten Straßenlänge.

Die Fluten der Saar rissen die hölzerne Straßen-Notbrücke, die ziemlich niedrig war, mit sich fort; es gab also wieder mal keine Straßenverbindung über die Saar hinweg. Als einzige Möglichkeit, die Saar zu überqueren, blieb die eingleisige Eisenbahn - Notbrücke. Natürlich durfte sie nicht von Fußgängern oder gar Straßenfahrzeugen benutzt werden, wurde aber dennoch immer wieder zu Fuß benutzt. Das war allerdings ein lebensgefährliches Unterfangen, denn man konnte einem Zug auf der Brücke nicht ausweichen. Die Folge waren einige schwere Unfälle. Besonders tragisch traf es ein Ehepaar, das die Saar auf diese Weise überqueren wollte; es wurde auf der Brücke von einem Zug überrascht. Der Mann konnte sich retten, indem er seitlich in das Stahlgerüst eines der Stützpfeiler kletterte; die Frau wurde vom Zug erfasst und getötet.

Die fortgeschwemmte Straßenbrücke baute man nicht wieder auf, denn inzwischen war der Bau der neuen Straßenbrücke unmittelbar daneben schon so weit fortgeschritten, dass man auf den Stahlträgern, die die Fahrbahn tragen sollten, eine Fahrbahnseite mit Holzbohlen auslegen, für Straßenfahrzeuge befahrbar und für Fußgänger begehbar herrichten konnte. Parallel dazu wurde die endgültige Fahrbahn auf der anderen Brückenhälfte gebaut.

Ab dem 20. Juli 1946 ordnete die französische Besatzungsmacht Wasserliesch zusammen mit 60 weiteren Gemeinden des Kreises Trier-Saarburg dem Saargebiet zu. Die Gemarkungsgrenze zwischen Konz und Trier - sie verläuft in der Höhe von Estricherhof - wurde Verwaltungs- und Zollgrenze; den Bahnhof Karthaus richtete man als Zoll- und Grenzbahnhof ein. Auf dem Bahnsteig neben dem Empfangsgebäude wurde eine große Holzbaracke für die Pass- und Zollkontrolle erbaut. Rund 2 000 französische Zollbeamte überwachten die Grenze und kontrollierten auch in den Zügen. Für den Grenzübertritt war ein Passierschein mit der Bezeichnung „Laisser passer" erforderlich. Dieser Zustand dauerte ein knappes Jahr bis zum 8. Juni 1947.

Ein Wasserliescher Schüler, der ab Herbst 1946 das Gymnasium in Trier besuchte, schildert die Fahrt mit der Eisenbahn von Wasserliesch nach Trier während dieser Zeit so:

Ich fuhr täglich mit dem Zug nach Trier, besaß aber keinen Ausweis oder sonst etwas, womit ich mich hätte legitimieren können. Meine Eltern versuchten von den deutschen Behörden, die anfangs nur teilweise wieder arbeiteten, Auskunft zu bekommen und wollten einen Ausweis beantragen, aber niemand erklärte sich zuständig. Mangels einer anderen Möglichkeit fuhr ich trotzdem mit dem Zug und wartete ab, was geschehen würde.

Der einzige Frühzug, den Schüler und Berufspendler benutzten, fuhr bereits kurz nach sechs Uhr in Wasserliesch ab. In Karthaus hatte er etwa eine Stunde Aufenthalt. Um rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn um halb Acht in Trier sein zu können, musste ich diesen Zug benutzen. Der Zug war fast immer verspätet - oft mehr als eine halbe Stunde. Ich erinnere mich, dass ich zwei oder drei Mal überhaupt nicht erst eingestiegen bin, weil die Verspätung zwei Stunden oder mehr betrug. Einmal kam der Zug mit ähnlich großer Verspätung in Wasserliesch an und blieb dort halten, weil die Dampflokomotive kein Wasser mehr hatte. Das Lokpersonal musste die Feuerung an Ort und Stelle ins Gleis entleeren, damit der Dampfkessel keinen Schaden nahm.

Die lange Fahrzeit nach Trier und zurück war noch nicht einmal das Schlimmste. Die Wagen befanden sich in einem für heutige Verhältnisse unvorstellbar schlechten Zustand. Soweit die Wagen der dritten Wagenklasse, der so genannten „Holzklasse", überhaupt zur Verfügung standen, war kaum noch eine unbeschädigte Fensterscheibe vorhanden. Deshalb waren die Fensteröffnungen ganz oder teilweise mit Brettern zugenagelt, sodass es im Wageninneren auch tagsüber fast dunkel war. Soweit die Züge Personenwagen mit sich führten, handelte es sich im Wesentlichen um zwei Wagengattungen. Entweder waren es die heute nur noch aus alten Filmen bekannten Personenwagen mit den vielen Seitentüren oder es waren Wagen, die an jedem Kopfende eine Bühne zum Ein- und Aussteigen mit einem hochklappbaren Sicherungsgitter oberhalb der Treppenstufen besaßen.

Die meisten anderen Wagen waren zu „Personenwagen" umfunktionierte geschlossene Güterwagen. Die seitlichen zum Be- und Entladen bestimmten Schiebetüren waren festgelegt, damit man sie nicht öffnen konnte. Über den schmalen Bremserstand am Kopfende gelangte man durch eine ebenso enge Tür ins Wageninnere. Dort waren rundherum an den Wagenwänden Sitzbänke aus Holz angebracht. Die wenigen in die Seitenwände eingesetzten Fensteröffnungen und die mit einer Holzklappe verschließbaren Lüftungsöffnungen unter dem Wagendach, warfen nur spärliches Licht in den Innenraum. Von der Wagendecke hingen einige Haltegurte herunter, damit wenigstens einige Leute sich daran festhalten konnten - umfallen konnte man allerdings während der Fahrt kaum, denn dazu war nicht genug Platz vorhanden. Als Beleuchtung dienten an der Decke angebrachte Gaslaternen, die meist nicht und wenn, dann nur ganz schwach brannten. Unter den Sitzen waren Heizungsrohre installiert, aber die waren meist nicht in Betrieb, weil die Lokomotive nicht genug Dampf zum Heizen erzeugen konnte.

Das alles nahmen die Leute ohne zu murren hin, denn es gab ja keine Alternative. Ich erinnere mich noch sehr gut an die beinahe gespenstische Atmosphäre in den überfüllten Zügen. Dunkelheit und Kälte in den Wagen im Winter 1946/47 drückte in Verbindung mit der allgemeinen Niedergeschlagenheit jener Tage die Stimmung. Die Leute unterhielten sich nur wenig und warteten während des langen Aufenthaltes in Karthaus mit stoischer Ruhe auf die Weiterfahrt. Die französischen Zollbeamten quetschten sich mühsam zwischen den Leuten durch und kontrollierten die Ausweise. Anfangs musste man noch aussteigen und die Kontrolle in einer auf dem Bahnsteig errichteten Holzbaracke über sich ergehen lassen. Uns jüngere Schüler übersahen sie meist; dennoch hatte ich jedes Mal ein ungutes Gefühl dabei und war froh, wenn die Kontrolle vorüber war.

Ab und zu fuhr der Zug während der Zeit der Grenzkontrolle ohne erkennbaren Grund langsam im Bahnhof hin und her. Offensichtlich wurden Güterwagen, die am Zugende angehängt waren, von einem Gleis ins andere rangiert. Diese Aktivitäten waren jedoch kaum dazu geeignet, die aufkommende Langeweile zu verkürzen. Da niemand wusste, was da draußen geschah und auch niemand nach draußen gehen durfte, um nachzusehen, verstärkte sich das allgegenwärtige Gefühl des Ausgeliefertseins. Jeder war froh, wenn ihn die Zöllner in Ruhe ließen.

Auf dem Bahnsteig in Wasserliesch standen die Leute vor Ankunft des Zuges jedes Mal so dicht gedrängt, dass man fürchten musste, nicht mehr mitzukommen. Der Zug war bei der Ankunft schon voll besetzt, so dass man allenfalls noch einen Stehplatz ergattern konnte. Die Leute quetschten sich ins Wageninnere, buchstäblich jeder Zentimeter wurde ausgenutzt. Wer nicht mehr in den Innenraum kam, hielt sich auf einer der offenen Einstiegsbühnen auf. Oftmals ließ sich dann nicht einmal mehr das Absperrgitter schließen; die Leute hingen manchmal während der Fahrt auf den Trittstufen. Wir Schüler erwischten meist noch einen Platz zwischen den Beinen der Erwachsenen. Oftmals konnte ich mich dort kaum noch rühren. So blieb ich, wenn es möglich war, lieber auf der offenen Bühne im Freien stehen. Manchmal wurde ich auch gegen meine Willen ins Wageninnere geschoben, denn es war ja gefährlich und eigentlich verboten, draußen stehen zu bleiben.

Einmal war der Zug so überfüllt, sodass ich nur noch auf der untersten Trittstufe stehen konnte. Ich empfand das weniger gefährlich als spannend, denn ich konnte mich ja am Geländer fest halten. So fuhr der Zug los und ich genoss mehr oder weniger die Fahrt aus dieser doch etwas ungewöhnlichen Perspektive. Die früher viergleisige Eisenbahnbrücke über die Saar war als Notbrücke eingleisig wieder hergerichtet worden. Man hatte die beiden noch in der Saar stehenden Pfeilerreste mit Hilfe von schichtweise aufeinander gestapelten Stahlträgern auf die erforderliche Höhe gebracht und darauf die schweren Stahlträger, die das eigentliche Gleis trugen, befestigt. Es gab aber wirklich nur das eine Gleis; einen Steg oder sonst etwas nebenher gab es nicht. So konnte ich aus dem über die Brücke mit Schrittgeschwindigkeit fahrenden Zug senkrecht, sozusagen frei schwebend, hinunter in die Saar sehen. Das war mir zwar ein wenig unheimlich, doch hatte ich keine Angst, als sich der Zug auf die Brücke zu bewegte. Während der Überfahrt klammerte ich mich doch etwas fester an das Geländer. Plötzlich packte mich von oben her eine kräftige Männerhand am Kragen und hielt mich eine Weile fest - ich konnte noch nicht einmal sehen, wer es war; vielleicht war es ja mein Schutzengel.

Eines Tages verschärften die Franzosen ihre Kontrollen. Auch wir Schüler sollten  nur noch mit einem Ausweis die Grenze überqueren dürfen. Ich erzählte das zu Hause und meine Eltern beantragten wieder einmal bei der Amtsverwaltung in Konz einen Ausweis. Dort wusste aber niemand etwas von einer Änderung. Immerhin nahm man den Antrag entgegen und ich fuhr mangels Ausweises weiter ohne mit. Ich hatte manchmal Schwierigkeiten, je nachdem wer die Kontrolle durchführte. Es dauerte Wochen, bis ich den Ausweis endlich erhielt. Als ich ihn am nächsten Morgen bei der Kontrolle im Zug stolz vorzeigte, wollten die Zollbeamten ihn gar nicht mehr sehen, und dabei blieb es auch. Wenig später wurde die Erweiterung des Saarlandes rückgängig gemacht, die Grenzkontrollen in Karthaus entfielen.

Zu dieser Zeit fuhren überhaupt nur sehr wenige Züge nach und von Trier, sodass die Ankunft- und Abfahrzeiten meist nicht zu den Unterrichtszeiten passten. Lange Zeit gab es innerhalb von zwei oder mehr Stunden nach Schulschluss keine Zugverbindung. Die Fahrt nach Konz und von dort aus zu Fuß nach Hause war immerhin eine Alternative. Während der ersten Schuljahre nutzte ich überwiegend diese Möglichkeit. Eine weitere Alternative war der Bahnhof Trier West und die Fahrt von dort mit dem Zug nach Igel.

Eine Zeit lang fuhr ich schon frühmorgens mit der Fähre nach Igel und von dort aus mit dem Zug nach Trier West. Diese Verbindung passte besser zum Unterrichtsbeginn. Den weiten Fußweg von dort bis zur Schule durch die ganze Stadt musste ich ziemlich schnell gehen, um rechtzeitig anzukommen. Bei schlechtem Wetter war das besonders unangenehm und ich kam manchmal durchnässt in der Schule an. Später gab es in Trier eine Omnibuslinie. Es waren elektrische Oberleitungsbusse, so genannte „Obusse" oder „Trolleybusse". Mit ihnen konnte ich eine Zeit lang nach Schulschluss bis zum Bahnhof Trier West fahren. Die im Krieg zerstörte Trierer Straßenbahn wurde erst Anfang der 1950er Jahre wieder in Betrieb genommen.

Tatsächlich fuhren in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nur sehr wenige Nahverkehrszüge; sie waren meist überfüllt - den heutigen Taktverkehr, der stündlich oder in noch kürzeren Abständen Zugverbindungen anbietet, hätte sich damals niemand vorstellen können. Die Wasserliescher, besonders die Reiniger, waren noch vergleichsweise gut dran. Sie konnten mithilfe der Reiniger Fähre die Mosel überqueren und die Zugverbindungen von Igel aus nutzen. Von dort fuhren die Züge sowohl nach Trier Hauptbahnhof als auch nach Trier West und umgekehrt. Nur bei Hochwasser oder Eisgang funktionierte das so nicht. Wenn die Fähre nicht verkehrte, blieb immer noch die Möglichkeit, den Fußweg bis Konz in Kauf zu nehmen und von dort aus die Bahn zu benutzen.

Ziemlich genau drei Jahre nach dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es endlich die alles entscheidende Wende. Mit der so genannten „Währungsreform" wurde am 21. Juni 1948 in den drei westlichen Besatzungszonen die wertlos gewordene Deutsche Reichsmark mit einer neuen Währung ersetzt. Von da an war die „Deutsche Mark" das offizielle Zahlungsmittel. Und, was keiner für möglich gehalten hätte, es gab vom selben Zeitpunkt an wieder alles zu kaufen. Plötzlich waren die vorher leeren Geschäfte wieder gefüllt und die Leute fragten sich verwundert, wo denn all die Dinge, die man nun wieder bekommen konnte, vorher gewesen sind. Jedenfalls gab es von einem Tag zum anderen wieder alles. Auch wenn man mit dem wenigen Geld, das die Leute als so genanntes „Kopfgeld" bekommen hatten, noch keine „großen Sprünge" machen konnte, sorgte allein diese Tatsache für den nötigen Auftrieb - für jede Person hatten man als Erstausstattung 40 Deutsche Mark und einen Monat später noch einmal 20 Deutsche Mark in bar ausgegeben. Mit einem Mal herrschte wieder Zuversicht, das deutsche „Wirtschaftswunder" konnte seinen Anfang nehmen.

 

 

Es geht langsam wieder aufwärts

 

Der Bahnübergang in Reinig nach 1945Die sinnlose Zerstörung der Eisenbahn­überführun­gen in Wasserliesch und der Moselbrücke unterhalb von Reinig durch deutsche Pioniereinheiten in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges hatte die Besetzung unserer Gegend durch die von Westen heranrückenden alliierten Streitkräfte in keiner Weise behindern oder gar aufhalten können. Die gesprengte Straßenun­terführung am Haltepunkt Was­ser­liesch hatte die Bahn sehr schnell behelfsmäßig her­richten können; erst im Jahre 1957 wurde sie wieder neu aufgebaut. Die eben­falls zer­störte Reiniger- und die „Polenbrücke", be­reiteten der Bahn ebenfalls keine großen Schwierig­keiten. Sie stellte einfach den Zustand her, der vor dem Bau der Brückenbauwerke bestanden hat: An beiden Kreu­zungspunk­ten richtete sie wieder je einen höhen­gleichen be­schrankten Bahnübergang ein. Der Schran­kenwärter in Reinig war in einer Holzbude, der an der Polenbrücke in einem Steinhäuschen unter­gebracht, das vor­her als Unter­kunft für Gleisbauarbei­ter gedient hatte.

Bezeichnend für die ersten Nach­kriegsjahre mit ihrer weit verbreiteten Not war die Tatsache, dass die Schranken­wärter nicht ausreichend mit Brennmaterial zum Behei­zen ihrer Dienst­räume versorgt worden sind und sich deshalb selbst etwas mit­bringen oder besorgen mussten. Be­kanntlich macht Not erfinderisch. Ehe der Ofen ausging, bat man schon mal einen Lokomotivführer oder -heizer, den man kannte, wäh­rend der Vorbeifahrt des Zuges einen Kohlebrocken ins Gleis zu werfen - auf der Dampflok war ja immer Kohle vorhanden. Zusätzlich konnte man mit einer langen Holzstange das dringend benötigte Heizmaterial ergänzen. Mit ihrer Hilfe gelang es, sofern man etwas geschickt war, Kohle- und Koksstücke, die beim Verladen auf der Oberkante der Seitenwände offener Gü­terwagen liegen geblieben waren, während der Vorbeifahrt des Zuges herun­terzuschlagen - das Eine wie das Andere war nicht ganz ungefährlich und natürlich nicht erlaubt, aber es funktionierte. Für die Einwohner war der Brennstoffmangel kein so großes Problem. Zwar war die Belieferung mit Kohle und Brikett auch hier unzureichend, doch die ausgedehnten Wälder auf Gemeindegebiet boten hinreichend Brennholz, sodass sich kaum jemand in einer ungeheizten Wohnung aufhalten musste.

Für die Reiniger brachte der wieder eingerichtete Bahnüber­gang Vorteile, denn den oft schwer belade­nen Pferde- und Kuhgespannen blieb die steile Brückenauffahrt erspart und für Fuß­gänger ver­kürzte sich die Wegstrecke. An der Polenbrücke verlief die von Reinig herkommende Straße, aus Richtung Reinig gesehen, vor der zerstörten Brücke auf die Bergseite der Bahn, dort die noch heute vor­handene Brückenrampe hinauf und in Richtung Konz wieder hinunter - es war eine für große Straßenfahrzeuge nicht ganz einfach zu bewältigende Wegestrecke. Die beiden Bahn­übergänge blieben in diesem Zustand noch Jahre erhalten. Erst 1960 baute man die Reiniger Brücke und 1961 die Polen­brücke wieder auf und schloss die Bahnübergänge.

Dass höhengleiche Bahnübergänge stets auch Gefahrenstellen sind, bewies ein schwerer Unfall, der sich Ende der 1950er Jahre am Bahnübergang „Polenbrücke" ereignete. Hier erfasste ein aus Richtung Frankreich kommender Güterzug bei voller Fahrt den Motorwagen eines schweren Lkw mit Anhänger. Obwohl der Lokomotivführer schon vor dem Zusammenprall eine Schnellbremsung eingeleitet hatte, schob er den Lkw etwa 300 m weit vor sich her, bis der Zug zum Halten kam. Der Fahrer des Lkw wurde auf der Stelle getötet, sein Beifahrer schwer verletzt. Der Schrankenwärter hatte die Schranken nicht rechtzeitig geschlossen, dennoch wurde er im Strafverfahren freigesprochen, allerdings mit der Einschränkung „mangels Beweises". Er war nämlich gehbehindert und hatte zu seiner Verteidigung angegeben, dass er auf Grund dessen die von Hand zu bedienende Schrankenwinde, die einige Meter von seinem Dienstraum entfernt im Freien aufgestellt war, nicht rechtzeitig habe erreichen können. Letztlich lastete das Gericht damit die Schuld an dem Unfall der Bahn an; sie hätte den gehbehinderten Mann dort nicht als Schrankenwärter einsetzen dürfen, hieß es in der Urteilsbegründung.

Die Konzer Bahnhöfe waren nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit viel genutzte „Ausweichbahnhöfe" für die Wasserliescher und Reiniger. Den Fußweg von und nach Wasserliesch nahmen die Leute in Kauf. Heute im Zeitalter des Individualverkehrs können sicherlich viele die Bedeutung dieser Alternativen kaum noch richtig einschätzen. Für Wasserliesch und Reinig waren die Konzer Bahnhöfe damals jedenfalls unverzichtbar. Heute beschränkt sich deren Nutzung auf den so genannten Bahnhof „Konz-Haupt", der direkte Zugverbindungen nach Saarbrücken und Koblenz bietet. Jedoch erspart man sich im Gegensatz zu früher den Fußweg und nimmt ein Taxi oder lässt sich zum Bahnhof bringen oder von dort abholen.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg baute die Bahn in Konz vor der Eisenbahn-Moselbrücke einen ganz neuen Haltepunkt. Wegen seiner Lage inmitten des Kreuzungsbereichs der Eisenbahnstrecken wurde er „Kreuz Konz" genannt. Er ersetzte den im Krieg zerstörten Haltepunkt „Konzer Damm", der sich bis Kriegsende am Bahndamm der Verbindung von der Saarstrecke zur Moselbrücke oberhalb des Konzer Feuerwehrgebäudes befand. Er wurde aufgegeben, weil über diese Verbindung keine Reisezüge mehr fahren sollten.

Am 1. Mai 1950 entstand in Konz neben den Gleisen der Obermoselbahn ein weiterer neuer Haltepunkt, der Haltepunkt „Konz West". Er war in erster Linie für die Beschäftigten des auf dem Gelände des ehemaligen Bundesbahn-Ausbesserungswerkes Konz neu angesiedelten Industriewerkes „Pegulan" gedacht, wurde dann aber auch von der Allgemeinheit gerne genutzt. Mehr als 40 Jahre lang befand sich dieser Haltepunkt ein wenig seitlich der Straßenbrücke, die im Verlauf der Granastraße über die Bahn hinweg führt. Im Jahr 2001 verschob man ihn etwa 200 m in Richtung Saarbrücke und baute ihn unter dem Namen „Konz Mitte" im Stil einer modernen S-Bahnhaltestelle um; er wurde am 18. Juni 2002 in Betrieb genommen.

Konz hatte also nach dem Zweiten Weltkrieg zwei neue „Bahnhöfe" bekommen und besaß nun, zusammen mit den Bahnhöfen Karthaus und Konz - nun deren vier. Sogar einen fünften gab es in den 1970er Jahren an den Gleisen der Saarstrecke; er hieß „Konz-Kunstseiden AG". Auch hier war der Bau eines großen Industriebetriebes der Anlass. Er wurde von den Werksangehörigen der Firma KUAG einige Jahre genutzt, verlor aber mit der Zunahme des Individualverkehrs seine Daseinsberech­tigung, sodass man ihn am 29. Mai 1976 wieder schloss. Mitunter meinten die Leute scherzhaft, die Vielzahl der Bahnhöfe und Haltepunkte sei für eine „Stadt Konz" angemessen und bezogen das auf das Jahr 1959, in dem Konz die Stadtrechte erhalten hatte. Natürlich gab es dazu keinerlei Bezug. Ursächlich war allein die Tatsache, dass Konz sich tatsächlich, wie schon zu Beginn des Bahnbaus in unserer Region vorausgesehen, zu einem Eisenbahnknotenpunkt mit einer Vielzahl von zusammenlaufenden und sich kreuzenden Eisenbahnstrecken entwickelt hatte.

Im Jahr 1950 und in den Jahren danach entstanden auf Wasserliescher Gemeindegebiet umfangreiche neue Eisenbahnanlagen. Bauherr war aber diesmal nicht die Eisenbahn, son­dern die französische Militärverwaltung. Sie ließ in der Talniederung zwischen Wasser­liesch und Konz um die Granahöhe herum ein großes Materiallager zur Versorgung der in Deutschland stationierten französi­schen Streitkräfte einrichten. Das bis dahin landwirtschaftlich genutzte Gelände hatte die Militärregierung auch wegen seiner Nähe zum Eisenbahnknoten Konz als Standort für das Versorgungslager ausgewählt und die dafür benötigten Grundstücke kurzerhand beschlagnahmt. Das „Quartier Granahöhe", wie es offiziell hieß, umfasste nicht nur das heutige Wasserliescher Wohnviertel Grana­höhe, sondern auch den größten Teil des daran angrenzenden zur Gemeinde gehörenden Gewer­begebietes. Es unterbrach die seit alters her bestehende direkte Wege­verbindung von Wasserliesch nach Konz - Könen und Tawern vollständig.

Teil der Gesamtanlage war ein Gleisanschluss. Meh­rere Weichen mit Rangier- und Ladegleisen führten innerhalb des Lagergeländes zu den einzelnen Lagerhallen und -plätzen. Gleich hinter dem Lagertor gab es eine Umfahrungsmöglichkeit, damit die Lokomotive bei der Zuführung und Abholung der Eisenbahnwagen stets in Fahrtrichtung angekoppelt werden konnte. Die umfangreiche Anlage war mit einem Zuführungsgleis und einer Weiche nahe der Eisenbahn-Saarbrücke an das nach Trier führende Streckengleis der Obermoselbahn angebunden. Es kreuzte die Straße von Wasser­liesch nach Konz in Höhe des heutigen Baumarktes als unbeschrankter Bahnübergang und führte gleich dahinter durch ein Tor mit der auf einem Transparent angebrachten Beschriftung „Quartier 605e CARM" in das rundum eingezäunte Militär­gelände hinein. Das Bewegen der Ei­senbahnwagen innerhalb des Lagergeländes besorgte eine eigene kleine Diesellokomotive der Franzosen.

Über Jahrzehnte hinweg ließ das französische Militär mit der Bahn große Mengen Militärgut, darunter Pan­zer, gepanzerte Fahrzeuge und Militär-Lkw, in das Militärlager hinein und auch wieder aus ihm heraus be­fördern. Mitarbeiter der Bahn brachten die beladenen und leeren Eisenbahnwaggons ein­zeln oder in Gruppen, bei Bedarf auch mehr­mals am Tag, aus dem Bahnhof Karthaus über die Saarbrücke hin­weg in das Lager hinein und holten andere dort bereitstehende Wagen ab. Oft sind ganze Güterzüge in das Lager hinein oder aus ihm herausbefördert worden. Problematisch gestaltete sich das Über­queren und Absichern des unbeschrankten Bahnüberganges. Die Bedienungsfahrt musste davor anhalten und ihn mithilfe beiderseits aufgestellter Sicherungsposten absichern. Erst wenn der Straßenverkehr angehalten hatte, überquerte die Bedienungsfahrt mit Schrittgeschwindigkeit die Straße. Trotzdem kam es immer wieder auch zu schweren Unfällen an diesem Bahnübergang.

Für die mit dem Zug an- und abrei­senden Beschäftigten des Lagers Granahöhe richtete die Bahn auf der dem Mili­tärlager gege­n­über­liegenden Seite der Straße von Wasserliesch nach Konz einen eige­nen Haltepunkt für das Lager ein; er hieß „Haltepunkt Granahöhe" und wurde am 18. Mai 1952 in Betrieb genommen. Was­serliesch, das beim Bau der Obermo­selbahn im Jahre 1878 erst einmal überhaupt keine Haltestelle bekom­men sollte, hatte nun zwei davon. Allerdings diente sie nie dem öffentlichen Ver­kehr; sie war nicht einmal in den öffentlichen Fahrplänen enthalten. Hier hielt jeweils nur mor­gens früh vor Arbeitsbeginn im La­ger und abends nach Feierabend für jede Fahrtrich­tung ein Zug an. Nach einem schweren Unfall eines Arbeiters auf dem Fußweg die Straße entlang zum Lagertor in Höhe der Abzwei­gung zum heutigen Baumarkt ließ das Militär in den Begren­zungszaun gleich ge­gen­über des Haltepunktes noch ein weiteres kleineres Tor einset­zen.

Den Haltepunkt Granahöhe gab es rund 35 Jahre lang. Mit der fortschreitenden Zunahme des Individualverkehrs wurde er am 27. September 1987 wieder geschlossen, denn es reisten nur noch we­nige Beschäftigte mit dem Zug an- und ab. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass auch die Tage des Lagers selbst gezählt waren. Es verlor nach der Deutschen Wiedervereinigung seine Daseinsberechtigung und wurde im Jahre 1993 mit der Umsetzung der so genannten Konversion, der „Umwandlung bisher militärisch gebundener Kräfte, Ressourcen und Strukturen für zivile Zwecke", von den Franzosen aufgegeben. Die Gemeinde Wasserliesch erhielt das gesamte Gelände zur Nutzung als Gewerbe- und Industriegebiet, teilweise auch zur Erschließung des Wohngebietes Granahöhe, von der Bundes­vermögensverwal­tung zurück. Die Behörde ließ die meisten Lagerhal­len, Stra­ßen, Plätze und Verladeein­richtungen, den größten Teil des La­gerzaunes sowie die Gleisan­schluss­anlagen zurück­bauen und auf Staatskosten dem neuen Verwendungszweck entsprechend umgestalten.

 

 

Die Obermoselbahn wird modern

 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sich das Zugangebot auf der Obermoselbahn völlig verändert. War die Bahnstrecke vor und während des Zweiten Weltkrieges noch ein wichtiger grenzüberschreitender Transportweg, vor allem für das Militär, so verkehrten nun, etwa ab Ende der 1940er Jahre, zunehmend schwere Güterzüge, die in Großraum-Güter­wagen überwiegend Koks vom Ruhrgebiet zu den Lothringi­schen Hüttenwerken beförderten. Aber auch der normale Güterverkehr in so genannten „bunten Güterzügen" nahm, Schritt haltend mit dem beginnenden deut­schen „Wirtschaftswunder", deutlich zu. Mehr und mehr entwickelte sich die Obermoselbahn wieder zu einer wichtigen in­ternationalen Güterver­kehrsverbin­dung, wobei einer­seits der RangierbaDieseltriebwagen der SNCF im Haltepunkt Wasserlieschhnhof Ehrang und andererseits die Grenz­bahnhöfe Perl und Apach, letzterer we­gen des an der Grenze notwendigen Lokomotiv- und Personalwechsels eine wichtige Rolle spielten. Zur Abwicklung des Grenzverkehrs richtete die Deut­sche Bundes­bahn im Bahnhof Apach eine Grenzgüterabfertigung ein, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zollverwaltung und den französischen Behörden den grenzüberschreiten­den Güterverkehr regelte. Noch gab es ja keine EU mit freiem Warenverkehr, sodass zahlreiche zollrechtliche Vorschriften erfüllt wer­den mussten. Die Güterabfertigung der DB in Apach war lange Zeit eine der wenigen deutschen Dienststellen der Bahn auf ausländischem Staatsgebiet überhaupt.

Unmittelbar nach dem Krieg fuhren auf der Obermoselbahn erst einmal keine grenzüber­schreitenden Reisezüge des öffentlichen Verkehrs mehr. Die Nah­verkehrszüge verkehrten nur zwischen Trier und Perl, wendeten jedoch teil­weise auch in Nennig, Win­che­ringen, Wel­len oder Oberbillig. Eine erste grenzüberschreitende Reisezug­verbin­dung für die Allgemein­heit bildete etwa ab 1950 ein Diesel-Triebwagen der Französischen Staatsbahn (SNCF), der einmal täglich zwischen Thionville und Trier Hbf pendelte. Er sollte nicht einmal in erster Li­nie den grenzüberschreiten­den Personenverkehr wieder in Gang setzen, sondern bildete eine Art Natu­ralausgleich für die Leistungen beider Bahnverwaltun­gen auf dem jeweils ande­ren Staatsgebiet. Es war einfacher, Fahrzeug- und Personalleis­tungen ein­an­der anzuglei­chen, als die andere Bahnverwaltung für die Leistungen, die sie für die Nach­barbahn er­brachte, mit Geld zu bezah­len. Alle Güterzüge auf der Obermosel­bahn fuhren noch bis in die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts hinein mit deutschen Lokomotiven und deutschem Per­sonal bis nach Apach. Dort wurde die Lokomotive abgespannt und übernahm dann den nächsten Güterzug in der Gegenrichtung.

Die Fahrt mit dem Triebwagen der SNCF - er war damals schon ein Vete­ran und pustete Unmengen von Diesel­qualm in die Luft - empfanden die Was­serliescher und andere Fahrgäste den­noch als spürbaren Komfort-Fortschritt. Im Gegensatz zu den ver­alteten deut­schen Fahrzeugen hatte er bereits ge­polsterte Sitze. Hinzu kamSchienenbus der Baureihe 795/798, dass er in Was­serliesch gegen 8,30 Uhr vormit­tags abfuhr und in Trier Hbf gegen 12,00 Uhr wieder zur Rückfahrt startete, gerade die richtige Zeit für einen Kurz-Einkaufstrip nach Trier; man fuhr schnell mal „in die Stadt", wie die Leute sag­ten.

Etwa um dieselbe Zeit herum begann die DB zusammen mit der Fahrzeugindustrie völ­lig neue Fahr­zeuge zu entwickeln. Das Er­staunen in der Bevölkerung war groß, als mit einem Mal feuerrot lackierte Schienenbusse auf der Obermoselbahn und anderswo eingesetzt wurden. In der Tat glich der Schienenbus einem Straßenbus; das In­nere war ähnlich wie ein solcher ges­taltet, bot aber mehr Platz, und, was besonders gut an­kam, die bequemen Sitzbänke waren gepolstert. Dennoch hatten die zweiachsigen Fahr­zeuge keine besonders guten Laufeigen­schaften. Zudem war das Platzangebot im Vergleich mit lokomotivbespannten Zügen einge­schränkt, sodass zu den Zeiten des Berufs- und Schülerverkehrs nach wie vor „richtige" Züge eingesetzt wer­den mussten.

Mitunter bekam man auf der Ober­moselbahn auch „exoti­sch" anmutende Fahr­zeuge zu se­hen. So hatte die Bahn in den 1980er Jahren einen Doppel­stock-Schienenbus entwickelt, der aus­schließ­lich im Regional­ver­kehr einge­setzt wer­den soll­te. Er erwies sich jedoch schon bald als un­zweckmäßig; vor allem das Ein- und Aus­stei­gen in bzw. aus der oberen Etage war wohl doch für die tägliche Praxis zu umständ­lich. Dennoch konnte man die Fahrt dort oben so richtig genie­ßen, denn die hochgezogenen Fens­ter boten den Fahrgäs­ten eine großartige Rundumsicht. So wur­de dieses Fahrzeuges später überwie­gend nur noch für Son­derfahr­ten auf land­schaftlich be­sonders reizvollen Bahnstrecken genutzt.

Die Schienenbusse bildeten immerhinDoppelstock-Triebwagen im Haltepunkt Wasserliesch den Anfang der Modernisierung des Fahrzeug­parks der Deutschen Bundes­bahn. Nach und nach verschwanden die Wagen der Holz­klasse, die dritte Wagenklasse wurde 1956 ganz abge­schafft. Ob man nun erster oder zweiter Klasse reiste, auf den gepolsterten Sit­zen war das Bahnfahren viel angeneh­mer und bequemer. Dabei handelte es sich an­fangs nicht einmal um völlig neue, sondern um modernisierte Fahr­zeuge. Der Unterbau der Wagen und das Laufwerk blieben unver­ändert er­halten; die Laufei­genschaften verbes­serten sich daher nicht. Etwa ab dem Jahr 1960 ließ die Bahn die ersten völlig neu konzi­pierten Personenwagen als vierachsige Wagen mit zwei Drehgestellen und guten Laufeigen­schaften speziell für den Nahverkehr bauen. Der Volks­mund nannte sie „Sil­berlinge", ein Spitzname, den sie wegen ihres Wagenkastens aus unlackiertem glänzendem Edelstahl mit aufpolierten Muster erhielten. Dieser Wagentyp wurde ein Erfolgsmodell, denn die letzten dieser Fahrzeuge, die später teilweise auch in Fernzügen zum Einsatz kamen, zog man erst Anfang des 21. Jahrhunderts aus dem Betrieb.

Immerhin verkehrte schon ab dem Som­mer 1947 auf der Obermoselbahn wieder ein Schnellzugpaar zwischen Thionville und Koblenz, zwei Jahre später fuhr der Zug nur noch bis Trier. Es war ein Militär­reisezug, der für die Soldaten der franzö­sischen Besat­zungsstreit­kräfte vorge­sehen war und nicht von anderen Fahr­gästen benutzt werden durfte. Er ver­band die französischen Militär­standorte Trier, Saarburg, Wittlich und Kob­lenz mit der Heimat der Soldaten. Anfang der 1950er Jahre richtete die Bahn auch wieder eine durchgehende Schnell­zugverbindung für den öffentli­chen Verkehr ein. Das Zugpaar verkehrte zwi­schen Paris und Köln. Das ver­kehrte nachts und führte auch Schlaf- und Liegewagen mit, hielt aber zwischen der französi­schen Grenze und Koblenz nur in Trier. Aus diesem Grund und wegen seiner ungünstigen zeitlichen Lage - der Zug durchquerte unseren Raum um Mitternacht - wurde er von  Fern­verkehrsreisenden unserer Region kaum genutzt. Nachdem die Bahn diese Zugverbindung etwa in den 1980er Jahren wieder aufgegeben hatte, gab es auf der Obermoselbahn zu­nächst wieder mal keine internationale Reisezug­verbindung mehr.

Auf Wunsch der Regionen Trier und Metz richtete der „Verkehrsverbund Region Trier" erst ab Ende Oktober 2007 wieder eine neue grenzüberschreitende Zugver­bindung auf der Obermoselstrecke zwi­schen dem moselfränkischen Raum um Trier und Lothringen ein. Die Zugverbin­dung sei das Ergebnis einer erfolgreicModerner Triebwagen der SNCF auf der Fahrt von Metz nach Trierhen Zusammenarbeit der Partner der Region Lorraine, des Saarlandes und des Zweck­verbandes Schienenpersonennahverkehr Rhein­land-Pfalz Nord mit den Eisenbahn­verkehrs­unternehmen SNCF und DB Re­gio, berichtete die Presse. Die attraktive französische Diesel-Triebwageneinheit bil­det seitdem auf der Obermoselbahn nach vielen Jahren des Stillstan­des endlich wieder eine durchgehende Reisezugverbin­dung für Jedermann. Der Regional-Express hält zwi­schen Trier und der französischen Grenze nur in Konz Mitte, so können ihn auch Reise­lus­tige aus Wasserliesch nut­zen, wenn sie dort zu- oder aussteigen.

Auch wenn die Fahrzeuge mehr und mehr modernisiert worden sind, hatte sich an den Anlagen der Obermoselbahn immer noch nichts Wesentliches verändert, sie entsprachen längst nicht mehr dem neu­esten Stand der Technik. Das galt vor al­lem für die Art der Zug­förderung. Immer noch zog die gute alte Dampflokomotive die Reise- und Güterzüge über die Stre­cke. Viele an­dere Bahnlinien in Deutsch­land wa­ren längst auf elektrischen Betrieb umge­stellt - elektrifiziert - und mit moder­nen Lokomotiven ausgerüstet wor­den. Gleichwohl blieb die Dampf­lo­komotive noch überall in Deutschland im Einsatz. Ihre Glanzzeit hatte sie um 1970 herum aller­dings hinter sich und ihre endgültige Ab­schaffung war längst beschlos­sene Sa­che. Schon seit Anfang des 20. Jahrhun­derts hatten ihr die elektrischen Lokomoti­ven und die Diesellokomoti­ven zu­nehmend Konkur­renz ge­macht. Sie konnten sie jedoch nur nach und nach ersetzen, weil das Umstel­len der Eisenbahn­strecken auf elektrischen Betrieb eben sehr viel Geld kostet.

In Wasserliesch hörte man immer wieder mal davon, dass die Obermo­selbahn elektrifiziert werden sollte. Das scheiterte auch hier in erster Linie an den hohen Kosten. Es gab aber noch einen anderen Grund, einen ebenso gewichti­gen, nämlich die unter­schiedlichen Strom­systeme der deutschen und der französischen Eisenbahnen. Die mit elektri­schen Lo­komotiven bespannten Züge auf der Obermosel­bahn müssen, sofern sie auf das Ge­biet der französischen Staats­bahn „SNCF" fahren sollen, mit dem französischen Bahnstromsystem zu­recht­kommen. Während das Bahnstromnetz der DB für 16 000 Volt und 16 2/3 Hertz aus­gelegt ist, arbeitet das Netz der SNCF mit 25 000 Volt und 50 Hertz. Elektrische Lokomoti­ven kommen nur als so ge­nannte Mehrfre­quenzlokomotivenDer letzte Dampflokzug in Wasserliesch mit beiden Systemen zurecht. Nur dieser Lokomotivtyp ver­fügt über eine spe­zielle Technik für beide Bahnstromsysteme.

Anfang der 1970er Jahre begann man end­lich damit, die gesamte Mo­selbahn von Kob­lenz bis zur Bundes­grenze bei Perl und auch das bis da­hin noch nicht elektrifi­zierte Teilstück der Saarbahn zwi­schen Saarhölz­bach und Trier sowie die Anschluss­verbin­dun­gen von Ehrang über Trier West und von Konz bis zur luxem­burgi­schen Grenze auf elektri­schen Betrieb um­zu­stellen. In Was­ser­liesch mussten dazu, ebenso wie andern­orts in Deutschland, auch bau­liche Verände­rungen vorgenommen wer­den. Die Stra­ßen­überfüh­run­gen und an­dere Brücken über die Bahn mussten an­gehoben wer­den, um den erforderli­chen Raum für die Ober­leitung und die Strom­abnehmer der elektri­schen Loko­mo­tiven zu schaffen. Die „Polen­brü­cke", die Rei­niger­brücke und die Kordelbrücke wur­den deshalb um jeweils etwa 70 cm an­ge­ho­ben. Da­durch wurden die bei­der­seitigen die Brückenrampen deutlich steiler und hätten, so wie noch etwa 20 Jahre zuvor, kaum mehr von Pferde- und Kuhfuhrwerken befahren werden können. Am 30. Oktober 1974 war es endlich so weit: Der erste mit einer elektrischen Lo­komotive be­spannte Zug befuhr die Obermosel­bahn; es war für Wasserliesch fast so wie ein Auf­bruch in die Mo­derne.

Nur wenig später hatte die Dampf­loko­mo­tive hier wie auch im gesam­ten Wes­ten Deutsch­lands aus­ge­dient. Bei der "Deut­schen Reichs­bahn" der damaligen DDR wurde das letzte Dampfross erst nach der Deutschen Wieder­vereini­gung im Jahr 1989 au­ßer Betrieb ge­nommen. Am Halte­punkt Was­serliesch hielt am 11. Ja­nuar 1975 zum letzten Mal ein mit ei­ner Dampflokomotive bespann­ter Reise­zug. Geschmückt mit ei­nem Schild vorne an der Lo­ko­motive, das die Aufschrift „Letzte Fahrt" trug, fan­den sich viele Schau­lustige und Hob­by­foto­gra­fen ein, um das Ereignis mit­zubekom­men und für die Nachwelt festzuhalten.Mehrfrequenzlokomotive der Baureihe 181

Die Dampflokomotive hatte aber nicht nur im Reisezugverkehr ausgedient. Die neuen spe­ziell für die grenzüberschreitende Zug­förderung zwischen Deutschland und Frankreich kon­struierten Mehrfrequenz­lo­komotiven bestimmten von nun an das Er­scheinungsbild der Gü­terzüge auf der Obermoselbahn. Blau lackiert unterschie­den sie sich von den meisten ande­ren elekt­ri­schen Lokomotiven. Da sie 160 km/h schnell fahren und bis zu 6 000 PS Leis­tung entwickeln konnten, wurden sie nicht nur für die Beförderung der grenzüber­schreitenden Güterzüge auf der Obermo­selbahn einge­setzt, sondern zogen Jahr­zehnte lang auch die schnel­len Reise­züge zwischen Trier und Koblenz und zwischen Trier und Saarbrü­cken.

Anfang des 21. Jahrhunderts hatten diese Lo­komotiven nach über 30jährigem Ein­satz wie­derum ausgedient und man er­setzte sie schritt­weise durch neue Fahr­zeuge. Etwa seit 2006 sieht man auf der Obermosel­bahn Gü­terzüge mit anders ausse­henden Loko­motiven. Die neuen grün-weiß la­ckierten Mehrfrequenz­loko­motiven fahren ohne Lo­komotiv- und Per­so­nalwechsel zwischen Frank­reich und Deutschland. Anders als früher ist nun jedoch nicht mehr die Bahn selbst, son­dern eine von der SNCF und der DB ge­mein­sam gegründete Tochtergesell­schaft für die Organi­sation und Abwicklung des Güter­verkehrs auf der Ober­moselbahn verantwortlich - eine Art der Betriebs­füh­rung, die vor der Gründung der Deut­schen Bahn-AG so noch nicht möglich ge­wesen wäre.

Im Jahr 1959 und den Jahren danach lebte die Ära der Dampflokomotiven hier auf eine ganz besondere und so nicht er­wartete Art und Weise wieder auf. Man kann fast da­von ausgehen, dass das Dampflokomotiv­zeitalter in Deutschland ausgerechnet hier in unserem Raum end­gültig zu Ende ging; jedenfalls gilt das für den Westen Deutsch­lands. Das größten­teils brach lie­gende Gelände des ehemali­gen  Rangier­bahnhofs Karthaus wurde Abstell­platz für ausran­gierte Dampfloko­moti­ven der Deut­schen Bundesbahn; der traditionsreiche Bahnhof Karthaus "avan­cierte" zum „Lokfriedhof". Immer wieder neue stillge­legte LokomMehrfrequenzlokomotive der Baureihe 437 der FRET-Gesellschafto­tiven wur­den hier­her ge­bracht. Etwa 15 Jahre lang dienten die langsam vor sich hin ros­ten­den Fahrzeuge als „Er­satz­teillager" für das Auf­arbeiten noch in Betrieb befindlicher Dampf­loks durch das Bundes­bahn-Aus­besse­rungs­werk Trier. Zug um Zug ver­wertete oder ver­schrottete es die Vetera­nen, zuletzt sogar vor Ort im Bahnhofsge­lände. Bis zu 70 und mehr gleichzeitig abge­stellte alte Dampfrösser boten den Reisenden vorbeifah­render Züge und den Anwohnern lange Zeit ein ganz besonderes Bild, das zwar die Dampflok-Fans begeis­terte, aber denjeni­gen, die dieses Bild jeden Tag sehen mussten, we­niger Freude bereitet haben dürfte.

Aber nicht nur die Anwohner und Bahnrei­senden konnten sich an den vor sich hin­rostenden Veteranen erfreuen oder auch über sie ärgern. Nach und nach wurde der „Dampflokomotiv-Friedhof" Karthaus das Ziel ungezählter Fans aus ganz Deutsch­land und aus fast allen euro­päischen Län­dern. Selbst aus Über­see und Japan reis­ten sie an, um die alten Fahrzeuge in Au­gen­schein zu nehmen und zu fotografieren. Mehr noch, alle Teile, die sich irgendwie als Souve­nir eigneten oder vermarkten ließen - allen voran die Lokomotivnummern- und Typen­schil­der - montierten sie ab und nahmen sie mit. Den für die Sicherheit Ver­antwortlichen der Bahn waren die meist ohne Er­laubnis im Bahn­hofsgelände herumlaufenden „Besucher" ein Dorn im Auge, doch konnte und wollte man die alten Loks nicht rund um die Uhr bewachen.

 

 

Arbeitsplätze entstehen - und vergehen wieder

 

Die Tatsache, dass Was­serliesch nach dem Bahnbau zweigeteilt war, führte zu einer völlig neuen Entwicklung der dörflichen Struktur. Oberhalb der Bahn schaffte der parallel ange­legte Winkelweg die Voraussetzung für den Bau neuer Häuser, die nach und nach eine Ver­bin­dung zum heu­tigen Ortsteil Reinig entstehen ließen. Auch unterhalb der Bahn bauten die Leute entlang der Hauptstraße "zwischen den Dörfern", wie dieser Bereich auch heute noch genannt wird, ihre Häuser, wodurch die beiden ursprünglich selbstständigen Orte allmählich zusammenwuch­sen. Dennoch blieben die beiden Ortskerne noch rund 130 Jahre lang als eigenstän­dige Siedlungen erkennbar. Erst die Bebauung im "Seegarten" Anfang des 21. Jahr­hunderts schloss die letzte Lücke und ließ die beiden Orte für den Betrachter nun auch von oben gesehen als Einheit erscheinen.

Über alles das dürften sich die Wasserliescher und Reiniger nach dem Bahnbau erst einmal keine Gedanken gemacht haben. Sie konnten nun den jeweils anderen Dorfteil und die jen­seits der Bahn liegenden Grundstücke nur nach Über- oder Unterqueren der Gleise errei­chen. Das brachte Unbequemlichkeiten und Nachteile, doch die Vorteile, die der Eisenbahn­bau mit sich brachte, überwogen letzten Endes. Allerdings dürfte die viel gepriesene Mobili­tät, die die Eisenbahn den Menschen insgesamt bescherte, zunächst noch keine so große Rolle gespielt haben. Zwar musste man nicht mehr mit der Postkutsche reisen oder gar auf Wanderschaft gehen, wenn man ein fernes Ziel erreichen wollte, doch war die Reiselust si­cher noch wenig ausgeprägt, um nicht zu sagen, sie fehlte gänzlich. Dennoch konnte man nach der Eröffnung der Eisenbahnstrecken mit einem Mal überall hin reisen - sofern man es sich leisten konnte. Das Bedürfnis dazu entwickelte sich jedoch erst nach und nach mit stei­gendem Wohlstand, nicht zuletzt gab die Bahn selbst den Anreiz dazu. Die Tatsache, dass die Leute nun Arbeit bekamen und Geld verdienen konnten, dürfte in erster Linie entschei­dend gewesen sein. Zunächst werden einige die Möglichkeit genutzt haben, täglich zur Ar­beit, etwa nach Trier, pendeln zu können. Auch dafür schaffte erst die Bahn die Vorausset­zung, und sie brachte die Arbeitsplätze gleich mit.

Die Orte Wasserliesch und Reinig hätten ohne die Arbeitsplätze, die bei der Bahn entstan­den sind und ohne den bescheidenen Wohlstand, der sich daraus in den nachfolgenden Jahrzehnten ergab, zweifellos eine weniger günstige Entwicklung ge­nommen. Das lässt sich nicht zuletzt an der steigenden Einwohnerzahl erkennen. Wohnten im Jahr 1852 vor dem Bahnbau in Wasserliesch und Reinig weniger als 1 000 Einwohner, waren es 1911 schon 1 302; das ent­spricht einer Stei­gerung von 35% innerhalb von rund 60 Jahren. Tat­sächlich entstanden in unserer über­wie­gend landwirtschaftlich geprägten und daher eher ärmlichen Region mit ei­nem geringen Angebot an Arbeits­plätzen schon während der Bauzeit der Ei­senbahnen viele „Jobs", wie man heute sagen würde, von denen vor allem die vielen Tage­löhner, die kein festes Arbeits­ver­hältnis hatten, profitiert haben dürften. Erst nach und nach gab es auch qua­lifizierte Arbeitsplätze, die eine gewisse Bildung voraussetzten.

Ein Gleisbautrupp Wer bei der Eisenbahn unterkommen wollte, musste sicherlich Schreiben, Lesen und Rech­nen kön­nen. Dass die Bewerber diese Voraus­setzung erfüllten, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts noch keines­wegs selbstver­ständlich. Aber auch Analphabeten konnte die Bahn für einfache Tätig­keiten durchaus ge­brau­chen, etwa in der Bahn­unter­hal­tung, in der „Rotte", wie die Ar­beits­trupps im Gleisbau hießen oder als Hilfskraft in anderen Berei­chen. In aller Regel musste man dort körper­lich schwer arbeiten. Doch das dürfte die Leute nicht ab­geschreckt haben, denn sie waren schwere körperliche Arbeit gewohnt.

Ohne Zweifel hatten die Preußischen Staatseisenbahnen anfangs große Schwierigkeiten, Arbeits­kräfte zu be­kommen. Arbeits­abläufe und berufli­che Fähigkeiten, wie man sie für das Verkehrssystem Eisenbahn benö­tigte, hatte es ja vor­her noch nicht gege­ben. Dass die Ei­senbahn Ende des 19. Jahrhun­derts immer noch mit die­sem Problem zu tun hatte, bele­gen die Aufzeichnungen des Was­serlie­scher Leh­rers Joseph Gilles aus dem Jahre 1894 - man hatte ihm zwei Jahre zuvor die Stelle des Schullei­ters der neu erbauten „Rei­niger Schule" über­tragen. Er beklagt sich darüber, das es die Bahnverwaltung nach sei­ner Einschätzung mit der Qua­lifikation der Be­werber um einen Arbeitsplatz nicht sehr genau nahm, verweist aber auch auf den sicheren Unterhalt, den ein Arbeits­platz bei der Eisenbahn bot:

„Nach den bisherigen Erfahrungen trägt die Eisenbahnverwaltung indirekt Schuld daran, dass die erziehliche Tätigkeit des Lehrers leidet. Diese Verwaltung achtet scheinbar nicht darauf, ob die jungen Burschen, die sie als Rotten- oder Werkstät­ten­arbeiter annimmt, sich ordentlich führen oder nicht (auf Kenntnisse sieht sie wohl über­haupt nicht). Nachher macht vielleicht ein solcher Arbeiter sich durch Wider­sätzlichkeit etc. bemerkbar und dann erst lernt der Vorgesetzte ihn kennen. Die ge­nannte Verwal­tung sollte die Burschen, die kein ordentliches Zeugnis (besonders im Betragen) aus der Schule aufweisen können, überhaupt nur in den seltensten Fäl­len annehmen. Es wäre dies ein Ansporn für die Schulknaben, sich gut zu betragen und etwas zu lernen, damit sie später sicher ihren Unterhalt finden können. So aber sa­gen viele: „Was liegt an der Schule und dem Lehrer? Wenn ich groß genug bin, gehe ich auf die Bahn. Dort werde ich angenommen, wenn ich auch nichts kann und wenn auch Lehrer und Pastor nicht mit mir zufrieden waren." Sie geben sich also zu und bleiben ungezogen und faul." 

In den Kir­chenbüchern der Pfarrei St. Aper finden sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts meist Berufsbe­zeichnungen wie Bauer, Fischer, Schmied, Steinbrecher, Steinhauer, Weber, Maurer, Schiffer, Schreiner, Korbflechter, Knecht, Schuster oder Schneider, alles Tätigkeiten, wie man sie für das Leben im Dorf brauchte. Ein großer Teil der Männer hatte keinen Beruf erlernt; sie bezeichneten sich zeit ihres Lebens als Tagelöhner, denn sie haben nie eine feste Arbeitsstelle besessen.

Mit all den genannten Berufen hat die Eisenbahn nicht viel anfangen können. Sie musste die Arbeitskräfte, die sie benötigte, erst einmal ausbilden oder wenigstens anlernen. Am ehesten konnte sie gelernte Handwerker für die Wartung und Unterhaltung des Fahrweges und der Fahrzeuge gebrauchen. Obwohl das Handwerk in Wasserliesch und Reinig einen guten Ruf hatte, gab es hier und wohl auch andernorts nicht viele, die die Bahn ohne Weiteres über­nehmen konnte. Auch sie mussten erst einmal umgeschult und ausgebildet werden, bevor sie etwa als Lokomotivführer, Rottenmeister oder Werkmeister in Werkstätten oder in ande­ren Bereichen beschäftigt werden konnten. Diese und andere eisenbahnspezifische Berufe, wie Aushilfsheizer, Heizer, Eisenbahnarbeiter, Eisenbahnschlosser, Eisenbahnschmied, Hilfsbremser, Hilfsrottenführer, Schaff­ner, Lokführer oder Weichensteller sind erst nach und nach entstanden.

Mindestens ebenso viele Arbeitsplätze vergab die Bahn für Tätigkeiten, für die keine hand­werklichen Fertigkeiten erforderlich waren. Sie brauchte beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Ver- und Entladen von Stückgütern, zum Verkaufen von Fahrkarten, zum Begleiten der Züge als Zugführer, als Schaffner oder Bremser sowie für stationäre Tätigkeiten in den Bahnhöfen, etwa als Weichensteller oder Rangierer. Jeder musste für seinen Einsatz erst einmal ausgebildet und mit den Besonderheiten der Eisenbahn vertraut gemacht werden. Mit­tel- und langfristig konnte die Bahn nur genügend qualifizierte Fachkräfte bekommen, wenn sie in großem Um­fang auch Handwerkslehrlinge und andere Auszubildende einstellte. Um genügend Führungskräfte für die einzelnen Fachrichtungen, vor allem in den technischen Berufszweigen, zurückgreifen zu können, finanzierte sie teilweise den meist jungen Bewerbern ihr Studium und garantierte ihnen ihren späteren Arbeitsplatz.

Soweit es sich um sicherheitsrelevante Arbeitsabläufe handelte, mussten die Bewerber ihre Befähigung in einer Prüfung nachweisen. Schon früh schrieb der Staat u. a. die Regeln für die berufliche Qualifikation, die Ausbildungsdauer, die Arbeitszeit vor, ebenso schrieb sie die Vorschriften für den Bau- und den Betrieb der Eisenbahnen selbst in Gesetzen und Verordnungen fest. Am 1. Mai 1905 traten die erste „Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung", am 24. Juni 1907 die erste „Eisenbahn-Signalordnung" in Kraft, die Regelungen aus dem Jahre 1892 ersetzten und nach wiederholter Aktualisierung heute noch gültig sind.

Bereits beim Bau der Saarbahn mit ihre Anlagen in den 1850er Jahren in Konz, Karthaus und Trier gab es die ersten Arbeitsplätze bei der Bahn in unserer Region, und es wurden immer mehr. Für alle spürbar ging es aufwärts. Niemals zuvor hat sich der Lebensstandard der Bevölkerung so schnell und nachhaltig verbessert, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und danach bis zum Ersten Weltkrieg. Mehr als in abseits der Bahnstrecken gelegenen Orten profitierten die Bewohner von Wasserliesch und Reinig davon. Die Arbeitsplätze bei der Bahn befanden sich ja in der Nähe der neuen Eisenbahnanlagen; das tägliche Pendeln vom Wohnort zum Arbeitsort war jedem möglich.

Bei der Vielzahl der Einrichtungen der Bahn und der großen Dienststellen, die nach und nach in Konz, Trier, Eh­rang und zuletzt auch im Bahnhof Igel entstan­den, ist es kaum mög­lich, alle Arbeitgeber der Bahn auf­zuzählen. Beispielhaft seien die Bahn­höfe und die Bahnbe­triebswerke in Trier und Ehrang, die Ausbesse­rungswerke Konz und Trier und nicht zuletzt die Bahn­meistereien Trier, Ehrang, Karthaus, Igel, Saarburg und Wellen sowie die Signal- und Fern­meldemeistereien genannt. Gerade die Bahnmeiste­reien, die es heute so überhaupt nicht mehr gibt, beschäftigten in ihren Arbeitstrupps, „Rotten" genannt, einen gro­ßen Teil der Arbeitskräfte. Zu einer „Rotte" gehörten 20 bis 30 und mehr Arbeiter, die unter fachlicher Aufsicht und Anleitung eines „Rottenmeisters" noch lange bis nach dem Zweiten Weltkrieg in schwerer Handarbeit bei Wind und Wetter die Gleise verlegen und in Stand halten mussten. Heutzutage erle­digen Maschinen den größten Teil dieser Arbeiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die Bahn in Konz auf einem Teil des Geländes des ehemaligen Ausbesserungswerkes und des früheren Rangierbahnhofes eine Brückenmeisterei ein. Sie war nach Gründung der Deutschen Bahn AG unter der Bezeichnung "Brückenbauhof Karthaus" für den Bau und die Unterhaltung der Eisenbahnbrücken zuständig.

Die Bahnhöfe - auch sie gibt es als Dienststellen so heute nicht mehr - beschäftigten den größten Teil des nichttechnischen Personals, beispielsweise in der Güterabfertigung, am Fahrkartenschalter, in den Stellwerken, als Rangierpersonal und in den Büros. Außerdem waren hier die Zugbegleiter beheimatet, zu denen Zugführer, Schaffner, Bremser und das Ladepersonal gehörten. Große Dienststellen waren im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts der Bahnhof Karthaus, später auch die Bahnhöfe Ehrang und der Hauptbahnhof Trier nebst den vielen kleineren Bahnhöfen entlang der Bahnstrecken.

Die Lokomotivführer und Heizer sowie das technische Wartungspersonal, wie Wagenmeister und Handwerker aller Fachrichtungen, gehörten zu den Bahnbetriebswerken. Als Beispiele seien die Bahnbetriebswerke Karthaus, Trier und Ehrang genannt. Sie beschäftigten jeweils mehrere Hundert Arbeitskräfte. Ebenso hatten die großen Eisenbahn-Ausbesserungswerke in Konz und später auch in Trier viele Hundert, zeitweise jeweils mehr als tausend Beschäftigte.

Weitere Arbeitsplätze boten die Verwaltungsstellen der Bahn in Trier. Dazu gehörten die Eisenbahndirektion Trier und die nachgeordneten Ämter, Betriebsamt, Verkehrsamt, Maschinenamt und Werkstättenamt. Standen größere Bauvorhaben an, richtete man zusätzlich Neubauämter ein. Alle diese Einrichtungen gibt es heute nicht mehr.

Wegen seiner Bedeutung für den Raum Konz und auch für Wasserliesch und Reinig verdient der frühere Verschiebebahnhof Karthaus besondere Erwähnung. Er war eine der ersten Dienststellen im Raum Trier-Konz, wenn nicht sogar die erste. Sicherlich hat es in Konz schon vorher eine Bahnmeisterei gegeben, denn dieser oblag ja der Bau und später auch die Unterhaltung der Bahnstrecken.

Im Jahre 1871, sieben Jahre vor der Inbetriebnahme der Obermoselstrecke, hatte die Bahn einen neuen Bahnhof in Merzlich als Teil der Saarbahn in Betrieb genommen. Er sollte auch „Merzlich" heißen, ebenso wie die damals noch selbstständige Gemeinde Merzlich. Um eine Verwechslung mit dem Bahnhof Merzig an der Saarbahn zu vermeiden, nannte man ihn nach dem in Merzlich ansässigen ehemaligen Karthäuserkloster „Carthaus", denn die Gleisanlagen befanden teilweise auf dessen Grund und Boden. Aus dem Bahnhofsnamen entwickelte sich in der Folgezeit der Ortsname Karthaus, der heute Stadtteil von Konz ist - eine bemerkenswerte Geschichte, denn Karthaus hat nie als selbstständige Gemeinde existiert. So hat in diesem Fall der Name des Bahnhofs den Ortsnamen erst entstehen lassen oder doch zumindest beeinflusst, genau genommen nicht einmal nur den Namen, sondern auch den Ort selbst, denn vor dem Eisenbahnbau standen zwischen Konz und dem Kloster Karthaus nahe dem Ort Merzlich noch überhaupt keine Häuser. Konz selbst dürfte damals noch etwas kleiner als Wasserliesch gewesen sein.

Der Bahnhof Karthaus erwies sich schon innerhalb der ersten Jahre seines Bestehens als zu klein. Deshalb baute man ihn nach dem Jahre 1875 um und erweiterte ihn zu einem Rangierbahnhof. Als solcher hatte er die Aufgabe, die Güterzüge der Saarstrecke, später auch die der anderen hier zusammenlaufenden Strecken, aufzulösen und nach ihren Zielen neu zu ordnen. Die einzelnen Wagen oder Wagengruppen eines angekommenen Güterzuges wurden zunächst entkuppelt und dann mithilfe einer Rangierlokomotive über einen Ablaufberg geschoben. Die infolge der Schwerkraft den Berg hinab laufenden Fahrzeuge rollten in die fächerartig angeordneten so genannten Richtungsgleise. Dort wurden sie ihren Zielen gemäß in neue Züge eingereiht. Die Rangierbahnhof Karthaus war für das Rangieren von 2 500 Wagen ausgelegt; täglich wurden bis zu 1 600 bis 1 800 Güterwagen durchgeschleust. Drei Rangierlokomotiven waren rund um die Uhr im Einsatz.

Man kann sich vorstellen, dass der Betrieb einer so großen Bahnhofsanlage eine Menge Personal erforderte. Viele Wasserliescher und Reiniger arbeiteten schon hier, als die Obermoselbahn noch nicht einmal in Betrieb war. Welche Bedeutung der Bahnhof Karthaus hatte, machen diese Zahlen deutlich: Um das Jahr 1880 war er Heimatbahnhof für mehr als 70 Zugpersonalgruppen, die aus je einem Zugführer, einem Schaffner, einem Hilfsschaffner und drei Bremsern bestanden. Allein das waren 420 Arbeitskräfte; hinzu kamen weitere Hunderte Arbeitskräfte, die als örtliches Betriebs- und Verwaltungspersonal, etwa als Fahrdienstleiter, Weichensteller, Rangierer und als Bürokräfte arbeiteten.

Eine für die Sicherheit des Zugverkehrs besonders wichtige Aufgabe kam den Bremsern zu, denn anfangs mussten alle Züge noch mithilfe von Handbremsen abgebremst werden. Die Bremser besetzten, gleichmäßig im Zug verteilt, entsprechend ausgerüstete Wagen und bedienten deren Handbremsen so, wie es der Lokomotivführer mit Pfeifsignalen während der Fahrt vorgab. Es war ein Vorgang, der von allen Beteiligten viel Geschick und Erfahrung erforderte. Die ersten durchgehenden Druckluftbremsen, die der Lokomotivführer bedienen konnte, gab es in Personenzügen erstmals im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, in Güterzügen nach dem Ersten Weltkrieg.

Zu jedem größeren Bahnhof gehörte in aller Regel auch ein Bahnbetriebswerk für Wartungs- und Reparaturarbeiten an Lokomotiven und Eisenbahnwagen. Noch heute kennt man die typischen Anlagen eines Bahnbetriebswerkes: Die Lokomotiven gelangten über eine Drehscheibe und eines der von ihr sternförmig ausgehenden Gleise in den Lokomotivschuppen oder kamen auf dem umgekehrten Weg von dort. Wann das Bahnbetriebwerk Karthaus eröffnet wurde, ist nicht genau bekannt, es könnte im Jahre 1878 gewesen sein; vermutlich stand seine Eröffnung im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der Obermoselbahn. Schon im Jahre 1880 waren hier 15 bis 20 Dampflokomotiven stationiert, nach dem Jahr 1900 waren es schon 90.

Das Bahnbetriebswerk Karthaus war Heimatdienststelle für die Lokomotivführer und Lokomotivheizer sowie für stationäres Werkstättenpersonal. Für Wartungs- und Reparaturarbeiten brauchte man Hunderte Metallhandwerker und Hilfskräfte. Größere Reparaturen und die in längeren Zeitabständen fälligen großen „Inspektionen", auch Fristarbeiten genannt, wurden jedoch nicht im Bahnbetriebswerk, sondern in einem Ausbesserungswerk ausgeführt. Diese Aufgaben oblagen anfangs der im Jahre 1880 gegründeten „Hauptwerkstätte Conz" mit einer Nebenwerkstätte in Trier West, aus der später das Eisenbahn-Ausbesserungswerk Konz entstand.

Die Hauptwerkstätte Konz bestand aus je einer Dreherei, Radsatzwerkstätte, Maschinen- und Bankschreinerei, Klempnerei, Lackiererei, Schlosserwerkstätte und einer Werkstätte für Elektro- und Gasbeleuchtung und war zuständig für die Unterhaltung der Dampflokomotiven sowie der Personen- und Güterwagen, später auch für die Brücken und mechanische Ein­richtungen, wie etwa für Signalanlagen. Hierfür benötigte man Arbeitskräfte aller Berufszweige, Handwerker waren ebenso gefragt wie Techniker und Ingenieure. Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1924, wurde die Hauptwerkstätte Konz in „Eisenbahn-Ausbesse­rungs­werk Konz" umbenannt.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Beschäftigten bei den Einrichtungen der Eisenbahn in Konz kontinuierlich an. Was das für die Region, gerade auch für Wasserliesch und Reinig, bedeutete, kann man unschwer aus den nachfolgenden Zahlen ableiten. Bestand die Belegschaft der Hauptwerkstätte Konz bei ihrer Gründung im Jahr 1880 aus 20 bis 25 Facharbeitern, die man aus der Hauptwerkstätte Saarbrücken-Burbach zusammen mit Facharbeitern aus St. Wendel hergeholt hatte sowie 10 Arbeitern aus Konz, waren es nach 1885 schon 300, nach 1900 bereits 850. Im Jahre 1921 beschäftigte die Eisenbahn insgesamt 3113 Personen in Konz, davon gehörten 777 Beschäftigte zum Bahnbetriebswerk, 832 zum Bahnhof Karthaus und 1149 zur Hauptwerkstätte Konz; die restlichen 355 waren wohl überwiegend Mitarbeiter der Bahnmeisterei und Signalmeisterei. Es steht außer Zweifel, dass viele Wasserliescher und Reiniger hier ihren Arbeitsplatz fanden.

Die Vorbereitungen für den Ersten Weltkrieg und der Krieg selbst gaben der Eisenbahn insgesamt und auch dem Raum Trier-Konz weiteren Auftrieb. Die Kapazitäten des Eisenbahnausbesserungswerkes Konz reichten nicht mehr aus. Deshalb eröffnete die Bahn am 1. Juli 1911 ein weiteres Ausbesserungswerk in Trier West. Es hatte anfangs 400 Mann Belegschaft und war zuständig für die Unterhaltung und Reparatur der Dampflokomotiven; die Unterhaltung der Personen- und Güterwagen blieb in Konz. Nach 1917 arbeitete es vorübergehend nicht nur für die Eisenbahn, sondern produzierte auch Kriegsmaterial; überliefert sind Tätigkeiten, wie Säbelschleifen und Granatendrehen. Die Zahl der Arbeiter dort stieg auf 600 an, darunter befanden sich während des Krieges auch Kriegsgefangene und Frauen; nach dem Krieg im Jahre 1919 waren über 1 000 Arbeitskräfte im Ausbesserungswerk Trier beschäftigt. Diese Zahl stieg kontinuierlich an; nach dem Zweiten Weltkrieg sind es noch mehr gewesen.

Das Ausbesserungswerk Konz überdauerte das alles, auch noch den Zweiten Weltkrieg; es beschäftigte im Jahre 1952 immer noch rund 750 Mitarbeiter. Danach wurden es immer weniger. Zum 1. Juli 1956 kam das Aus, es wurde aufgelöst und die Belegschaft dem Ausbesserungswerk Trier zugeteilt. Dieses schloss seine Tore im Jahr 1980, wurde danach aber noch einige Jahre als Ausbesserungswerkstätte weitergeführt, bevor man auch sie still legte.

Wen wunderts, dass angesichts dieser großen Zahl der Arbeitsplätze bei der Bahn der Anteil an Eisenbahnern in der Bevölkerung von Wasserliesch und Reinig - ebenso wie die Zahl der Einwohner insgesamt - schon im 19. Jahrhundert schnell anstieg? Es gab bald kaum noch eine Familie, in der nicht mindestens ein Mitglied bei der Eisenbahn beschäftigt war. So wurde Wasserliesch mit seinem heutigen Ortsteil Reinig bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Umland als „Eisenbahnerdorf" bekannt.

 

 

Die Eisenbahndirektion Trier - ein Spiegel deutscher Politik

 

Die wechselvolle Geschichte der Eisenbahndirektion Trier, bei der auch viele Wasserliescher einen Arbeitsplatz hatten, spiegelt wie kaum eine andere Trierer Behörde über mehr als ein Jahrhundert hinweg nicht nur die Entwicklung bei der Bahn selbst, sondern auch die der politischen Verhältnisse in Deutschland wider.

Die Eisenbahnlinien im Raum Trier-Konz befanden sich mit Ausnahme der Eisenbahnstrecke von Köln nach Trier über die Eifel hinweg von Anfang an im Besitz des preußischen Staates. Für die Planung, den Bau und die Verwaltung war anfangs die "Königliche Eisenbahndirektion Saarbrücken" als staatliche Behörde zuständig. Sie ist im Jahr 1852 nach der Fertigstellung wesentlicher Teile der Saar-Eisenbahnen gegründet worden. Als gleich danach die Bahnstrecke von Saarbrücken nach Trier mit einer Abzweigung nach Luxemburg gebaut werden sollte, verstand es sich von selbst, dass man ihr die Verantwortung für dieses Bauvorhaben übertrug, denn in Trier gab es keine Einrichtung, die diese Aufgabe hätte übernehmen können. Das war rund 20 Jahre später nicht anders, als nach jahrelangen Vorplanungen endlich auch die Moselbahn von Koblenz bis zur damaligen Reichsgrenze bei Perl gebaut werden sollte.

Als Preußen am 20. Dezember 1879 auch die private Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft - sie hatte gerade die Bahnlinie von Köln nach Trier über die Eifel fertig gestellt - in Staatsbesitz übernahm, regelte man die Zuständigkeiten der Direktionen neu. Die Eisenbahndirektion Saarbrücken wurde aufgelöst, ihre Zuständigkeit für die Saareisenbahnen übertrug man der Eisenbahndirektion Frankfurt, die der Eisenbahnen im Raum Trier der Eisenbahndirektion Köln. Um auch in Trier präsent zu sein, gründete die Eisenbahndirektion Köln am 1. April 1880 das Königliche Eisenbahn-Betriebsamt Trier als untergeordnete Behörde. Die Inbetriebnahme immer weiterer Bahnlinien in der Eifel, im Hunsrück und an der Mosel machten schließlich eine Eisenbahndirektion vor Ort notwendig. So entstand am 1. April 1895 die „Königliche Eisenbahndirektion Trier".

Nach dem Ersten Weltkrieg dankte Kaiser Wilhem II. ab und ermöglichte so die Ausrufung der „Weimarer Republik". In diesem Zusammenhang löste man im Jahr 1918 die Königliche Eisenbahndirektion Trier auf und übertrug ihren Zuständigkeitsbereich wieder der "Eisenbahndirektion Saarbrücken", die nun keine „königliche" mehr war. Als das Saarland im Jahre 1920 nach der Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages als „Saargebiet" aus dem deutschen Staatsverband ausschied, teilte man die Zuständigkeiten noch einmal anders herum auf. Die Verwaltung der Eisenbahnen im Trierer Raum blieb dennoch zunächst in Saarbrücken in einer eigenen Abteilung mit dem etwas sperrig klingenden Namen „Stammeisenbahndirektion Trier der Eisenbahndirektion Saarbrücken". Diese Regelung untersagten jedoch die Siegermächte - es durfte ja wohl nicht sein, dass ein Teil des deutschen Eisenbahnnetzes vom nun autonomen Saargebiet aus verwaltet wurde. Also richtete man am 30. Dezember 1920 die „Eisenbahndirektion Trier" komplett wieder in Trier ein. Nach der Gründung der Deutschen Reichseisenbahnen im Rahmen der Weimarer Reichsverfassung wurde sie am 6. Juli 1922 in „Reichsbahndirektion Trier" umbenannt. Noch im selben Jahr begann man mit dem Bau des repräsentativen Direktionsgebäudes in der Christophstraße 1; es wurde im Jahr 1925 eingeweiht.

Im Jahre 1935 stimmten die Bewohner des Saargebietes für den Anschluss an das Deutsche Reich. Daraufhin löste man die Reichsbahndirektion Trier erneut auf und gliederte sie zum 1. März 1935 der Reichsbahndirektion Saarbrücken ein zweites Mal an. Dieser Zustand blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestehen. Danach ging es wieder mal anders herum. Das Saargebiet wurde, nachdem es anfangs zur französischen Besatzungszone gehört hatte, erneut ein autonomes Staatsgebilde mit wirtschaftlichem Anschluss an Frankreich. Die Eisenbahndirektion Saarbrücken - sie nannte sich jetzt wieder "Eisenbahndirektion" - musste ihre Zuständigkeit für den Raum Trier an die am 1. Juli 1947 auf Anordnung der französischen Militärregierung wieder auflebende "Eisenbahndirektion Trier" abgeben. Mit der Gründung der Deutschen Bundesbahn firmierte sie ab dem 2. März 1951 nun "Bundesbahndirektion Trier".

Das blieb wieder nicht so. Nach einem heftigen Abstimmungswahlkampf entschieden sich die Bewohner des Saarlandes in einer Volksabstimmung am 23. Oktober 1955 erneut für den Anschluss, dieses Mal an die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundesbahndirektion Trier verlor dadurch ihre Daseinsberechtigung; sie wurde zum 1. Januar 1960 aufgelöst und ihr Zuständigkeitsbereich erneut der Bundesbahndirektion Saarbrücken angegliedert. Zum selben Zeitpunkt eröffnete im Direktionsgebäude die „Verkehrskontrolle für den internationalen Verkehr" mit anfangs etwa 550 Arbeitsplätzen im ehemaligen Direktionsgebäude, die einen Teil der Mitarbeiter der aufgelösten Bundesbahndirektion übernahm; nach Gründung der Deutschen Bahn AG hieß sie „Abrechnungszentrale für den Güterverkehr".

Es ist nicht ganz einfach, einen so großen Verwaltungsapparat mit Hunderten von Arbeitsplätzen über eine Entfernung von fast 100 km in eine andere Stadt zu verlagern. Das geht nicht ohne soziale Härten, nicht jeder Betroffene kann oder will zusammen mit seinem Arbeitgeber den Standort bzw. Wohnort wechseln. So kam es in größerem Umfang auch zu vorzeitigen Zurruhesetzungen und Versetzungen in andere Tätigkeitsbereiche. Wer dafür nicht in Frage kam oder es nicht wollte, musste wohl oder übel entweder mit umziehen oder täglich zwischen Trier und Saarbrücken pendeln.

Von der letzteren Möglichkeit machte die größere Zahl der Mitarbeiter Gebrauch und nahm die Fahrzeit mit der Bahn von je gut einer Stunde hin und zurück in Kauf - ein Teil der Belegschaft konnte, wie bereits erwähnt, bei der Verkehrskontrolle für den internationalen Verkehr in Trier bleiben. Für die anderen galt es, morgens um etliches früher aufzustehen und abends später nach Hause zu kommen. Um die Ausbleibezeiten möglichst gering zu halten, setzte die Bahn für die Hin- und Rückfahrt einen zusätzlichen Zug zwischen Trier und Saarbrücken ein. Der Zug hielt in Karthaus, nicht jedoch in Konz, um die Pendler aus Konz und Umgebung, auch die aus Wasserliesch und andere, die von der Obermoselstrecke her kamen, aufzunehmen. Ansonsten fuhr der Zug ohne anzuhalten zwischen Karthaus und Saarbrücken durch. Ohne diese zusätzliche Zugverbindung, die es mehrere Jahre gegeben hat und die nicht in den für die Öffentlichkeit bestimmten Fahrplanunterlagen enthalten war, wäre es zumindest während der ersten Zeit nicht möglich gewesen, Tag für Tag einige Hundert Leute in den fahrplanmäßigen Zügen hin- und herzubringen.

Die Auflösung der Bundesbahndirektion Trier schien endgültig zu sein, doch im Rahmen der Umstrukturierung des Verwaltungsapparates der Deutschen Bundesbahn lebte sie nach dem Jahre 1986 als „Regionalabteilung Trier der Bundesbahndirektion Saarbrücken" für einige Jahre in „abgespeckter" Form erneut auf. Als solche vereinigte sie auch die Aufgaben des Bundesbahnbetriebsamtes Trier und des Bundesbahn-Maschinenamtes Trier in einer Behörde. Zum 1. Januar 1994 ging die Regionalabteilung Trier, ebenso wie die Bundesbahndirektion Saarbrücken selbst, endgültig in die neu geschaffene privatwirtschaftliche Organisationsstruktur der Deutschen Bahn AG ein und wird aller Voraussicht nach nicht noch einmal auferstehen.

Den kommerziellen Bereich hatte die Bahn im Raum Trier schon vorher eigenständig organisiert und der „Generalvertretung Trier der Bundesbahndirektion Saarbrücken" übertragen; sie hatte auch die Aufgaben des früheren Bundesbahnverkehrsamtes Trier mit übernommen.

 

 

Quellen:

Kurt Hoppstädter, „Die Eisenbahnen im Moseltal" (Eigendruck der Bundesbahndirektion Saarbrücken 1973)

Sebastian Schnitzius, „Entwicklung der Eisenbahn im Trierer Raum" (Eigendruck 1984)

Chronik Wasserliesch (Druckerei Wagner oHG Trier 1975)

Helmut Schiffhauer „Die Eisenbahn im Raum Konz-Trier" (Eigendruck 1985)

Rudolf Rosenkränzer, "2000 Jahre Tawern"